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Die XXII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz am 14. Januar 2017 im Berliner Konferenzhotel Mercure MOA am Sonnabend konnte einen Teilnehmerrekord vorweisen. Mehr als 2800 Gäste, Unterstützer und Journalisten folgten den Vorträgen, Kulturbeiträgen und Debatten.

plakat webSeit 1991 geht von deutschem Boden wieder Krieg aus. Was mit der Förderung der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens begann, weitete sich aus zur nunmehr 15 Jahre dauernden »Landesverteidigung am Hindukusch«, zur Unterstützung der US-Invasion im Irak, des NATO-Krieges in Libyen und des Feldzuges Kiews gegen die Bevölkerung der Ostukraine bis hin zur Teilnahme am Syrien-Krieg des Westens. Seit kurzem steht ein deutsches Truppenkontingent an der russischen Grenze in Litauen.
Zugleich wurde die Bundesrepublik zum Vorreiter von Lohndumping innerhalb der EU und darüber hinaus. Der »Niedriglohnsektor« ist ein Exportschlager – das Wort ebenso wie das, was damit gemeint ist: Ein Drittel der Bevölkerung wird wirtschaftlich, sozial und kulturell ausgegrenzt, Teilnahme an Wahlen unerwünscht. Das Resultat des Klassenkampfes von oben lässt sich beziffern: Nirgendwo in den Industriestaaten gelang es, den Anteil der Löhne am Volkseinkommen derart zu senken wie hier.
Aggressive Expansion nach außen und Armutspolitik im Innern haben die Bundesrepublik zur Kenntlichkeit verändert. Für andere wurde sie wegen »Wettbewerbsfähigkeit« zum Modell. Der reaktionären Politik entspricht eine Hegemonie reaktionärer Ideologie. Der Vormarsch nationalistischer Bewegungen ist ein Ergebnis dessen, was SPD und Grüne, CDU/CSU und FDP 20 Jahre lang durchgesetzt haben. Nun verzichtet man auf »linken« und »alternativen« Lack über der rechten Praxis. Eines ihrer Ergebnisse sind Pegida und AfD, deren Aufstieg signalisiert, dass die deutsche Bourgeoisie bereit ist, Neonazis offen als politische Akteure zuzulassen.
Was sich in diesem Land abspielt, geschieht auf ähnliche Weise auch anderswo. Die Form mag hier besonders brutal und heuchlerisch sein, den Inhalt liefert überall der zeitgenössische Kapitalismus. Vielerorts hat sich herumgesprochen: Wer den reaktionären Vormarsch stoppen will, darf bei Kapitalismuskritik nicht haltmachen. Er muss Wege zu einer Alternative zeigen, zu einer sozialistischen.

Olga David: »Barack – Angel – Vladimir – BAV«. 150x100 Zentimeter, Öl auf Blattgold auf OSB-PlatteOlga David: »Barack – Angel – Vladimir – BAV«. 150x100 Zentimeter, Öl auf Blattgold auf OSB-PlatteDie realistische, figurative Kunst ist wieder im Kommen, erstmals seit den 70er Jahren. Das hat mit den gesteigerten Aggressionen der Rechten zu tun. Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Pegida in Dresden, der Aufstieg der AfD – da ist keine Zeit mehr für die lustige Ironie und abstrakte Verrätselung der 80er und 90er Jahre.

Für den Maler Michael Chrapek von der Berliner Künstlergruppe »Tendenzen« geht es »um naturalistisch-realistische Kunst«. Idealerweise sollen die Betrachter »ohne besondere künstlerische Vorbildung erkennen, was denn der liebe Künstler meint. Ohne dass sie einen langen Zettel als Erklärung dazu durchlesen müssen.«

»Tendenzen« steht quer zum kommerziellen, selbstbezogenen Kunstmarkt. Ihr Maler Ahmad Majd Amin sagt: »Wir sind freie Maler, aber wir leben nicht in einer freien Gesellschaft. Ich würde mich als Künstler in einem geschlossenen Raum beschreiben, der Demokratie genannt wird.«

Künstlerische Phantasie ist politische Phantasie. »No pasaran! Die Reaktionäre werden nicht durchkommen!« heißt die vierte »Tendenzen«-Ausstellung, die nächsten Samstag auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz im Mercure-Hotel in Berlin-Moabit stattfindet. Die Gruppe hatte Künstlerinnen und Künstler aufgefordert, passende Beiträge zur Verfügung zu stellen.

Gezeigt werden 45 Werke von 20 Künstlern, ein paar davon sind schon auf dieser Doppelseite zu sehen. Majd Amin malt alte Olivenhaine in Palästina und Ute Donner die neue Silvio-Meier-Straße in Berlin-Friedrichshain, Symbole gegen die Gewalt. Donner hat 2016 auch den neugeschaffenen Silvio-Meier-Preis erhalten. Der Hausbesetzer war 1992 im Alter von 27 Jahren im U-Bahnhof Samariterstraße von Neonazis ermordet worden. Ute Donner hat sich unter anderem um eine Gedenktafel für ihn gekümmert, die immer wieder zerstört oder entfernt wurde.

»Kann mir das mal jemand erklären?« heißt eine Montage der Künstlerin Fidels Daughter. Sie thematisiert die fast totale staatliche Überwachung von allem und jedem, einschließlich der freiwilligen Selbstüberwachung der Nutzer der sogenannten sozialen Netzwerke. Die Erklärung wird nicht von den großen Staatschefs kommen, die kennen nur die Zeichensprache der Macht, wie sie David Olga im Stil der Ikonenmaler darstellt. Und wer sich das erklären lässt, der wird Goyas »Schlaf der Vernunft«, der Ungeheuer gebiert und den die Dortmunder Künstlerin Ursula »Ula« Richter aktualisiert hat, endlich beenden, um wieder wie vor fast 50 Jahren gegen den Wahnsinn zu revoltieren. Oder wie vor 100 Jahren in Russland.

Da geht es hoch hinauf, wie es Clementine Klein schon 1969 in ihrer Ätzradierung »Revolte1« nach einem Gedicht des Beat-Dichters Michael McClure, angedeutet hat. Denn die Ziele können nicht hoch genug gesteckt sein, wenn einem tagtäglich das Kleinklein des Du-kannst-doch-nichts-machen eingeredet werden soll. Das Motto der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz heißt ja auch auch: »Gegen rechts ist nicht genug – sozialistische Alternativen erkämpfen!«

Erschienen am 7. Januar 2017 in der Tageszeitung junge Welt

Das Plakat 2017

Broschüre 2017

Broschüre zur XXII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz

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