Amandla Awethu!

Der Verfasser dieses Artikels, Nnimmo Bassey, ist nigerianischer Dichter und Umweltaktivist. Er arbeitete für lokale Bürgerrechtsinitiativen und die internationale Organisation Friends of the Earth. 2010 wurde er für sein Engagement mit dem Right Livelihood Award, auch bekannt als »Alternativer Nobelpreis«, ausgezeichnet. Am 13. Januar spricht er auf der XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz.
Der Beitrag erschien in der Melodie & Rhythmus 1/2018, erhältlich am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im M&R-Shop bestellen.

Nnimmo Bassey. Foto: EPA/Tor E. MathiesenNnimmo Bassey. Foto: EPA/Tor E. MathiesenI.

In der Zeit vor 1960, also noch vor der Unabhängigkeit Nigerias, priesen die Künstler die Stärke, die der afrikanische Charakter vor der Konfrontation mit den europäischen Eroberern gehabt habe. Unter den britischen Kolonialherren und in der unmittelbaren nachkolonialen Periode verfolgten u.a. die Schriftsteller Chinua Achebe and Wole Soyinka diesen Ansatz. Speziell aus der Region des Nigerdeltas sind Dennis Osadebay und Ene Henshaw zu nennen. Sie ließen in ihren Werken den antiimperialistischen Protest anklingen, wie er damals die Diskussionen unter den meisten afrikanischen Literaten bestimmte. In der Bildhauerei und den anderen bildenden Künsten erlangten die Werke von Demas Nwoko, Bruce Onabrakpeya, Yusuf Grillo und Simon Okeke Bedeutung.

In Osadebays erstem Gedichtband »Africa Sings« von 1952 preist der Autor die afrikanische Zivilisation vor der Begegnung mit den europäischen Nationen. In der Nachfolge von Léopold Senghors Gedichten, die sich an der emanzipativen Strömung der »Négritude« orientierten, drängte Osadebay seine ausländischen Leser, afrikanische Werte und Traditionen nicht als anthropologische Kuriositäten zu betrachten. Andere nennenswerte frühe nigerianische Werke in den Bereichen Lyrik, Drama und Roman stammen aus der Feder von Gabriel Okara, Mabel Segun, Frank Aig-Imoukhuede, J.P. Clark, Elechi Amadi, Buchi Emecheta, Neville Ukoli, Odia Ofeimun und Festus Iyayi.

II.
Unbestritten gehört das Nigerdelta zu den am härtesten von Umweltverschmutzung betroffenen Gebieten der Welt. Zugleich gibt es dort aber einige unglaublich schöne Flecken Erde, die zumindest die Chance hätten, wieder ihren einst verlorengegangenen Zauber zurückzuerlangen. Schutz und Regeneration – von diesen beiden ökologischen Leitlinien hängt das Schicksal der Region ab. Das Leben im Nigerdelta ist generell hart und kurz, mit durchschnittlich 41 Jahren haben Menschen hier die kürzeste Lebenserwartung im ganzen Land. Diese Tatsache könnte erklären, warum die Kunst dort Taten einklagt, anstatt bloß auf ästhetischen Genuss zu zielen.

Die Entdeckung von Erdölvorkommen in kommerziell verwertbaren Mengen im Jahr 1956 und die zwei Jahre später beginnende Ölförderung in Oloibiri im heutigen Bundesstaat Bayelsa markieren einen Wendepunkt für die Region wie auch für die gesamte Nation. So überrascht es kaum, dass hier 2016 ein Film mit dem Titel »Oloibiri« in die Kinos kam, produziert von Rogers Ofime und mit bekannten nigerianischen Schauspielern: Richard Mofe-Damijo, Olu Jacobs, Taiwo Ajai-Lycett und Segun Arinze. Die Handlung des Films dreht sich um Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Kidnapping und Gewalt. So brillant die Bilder auch sind – der Plot tendiert dazu, die Schuld bei den Opfern zu suchen und die Verursacher der Umweltkatastrophe weitgehend weißzuwaschen.

Eine veraltete Ölförder-Infrastruktur und ein kaum reguliertes Wirtschaftssystem verwandelten den Traum von Fortschritt und positivem Wandel in einen Albtraum: Jahrzehnte sind vergangen mit einer endlosen Reihe von Ölkatastrophen, der Abfackelung freigesetzter Gase und dem Verklappen von Abwasser und Giftmüll-Gemischen in die einst unberührte Natur. Das Nigerdelta ist eine Landschaft, die um Gnade bettelt und dringend Heilung benötigt.

III.

Der Literaturwissenschaftler Sule Emmanuel Egya konstatiert in einem Aufsatz: »Was unter dem Begriff der Nigerdelta-Dichtung immer größere Kreise zieht, ist eine Lyrik, die sich dezidiert mit der Landschaft und den Bewohnern dieser Region identifiziert. Die Werke von Gabriel Okara, Christian Otobotekere, Tanure Ojaide, Ogaga Ifowodo, […] Ebi Yeibo u.a. versuchen, die Aufmerksamkeit auf das Schicksal von Menschen und allen anderen Lebewesen vor dem Hintergrund der Ausbeutung der Ölvorkommen und auf die negativen Auswirkungen zu lenken. Die kritische ökologische Aussage, die diese Dichtung durchdringt, hat zwei Dimensionen: Sie huldigt der regionalen Flora und Fauna vor dem Beginn der Förderung, und sie ist eine kämpferische Auseinandersetzung mit den Institutionen, die für die Zerstörung dieser reichen Naturlandschaft verantwortlich zeichnen.« Huldigung und Kampf – diese Begriffe beschreiben die Dichtung dieser ausgeplünderten Gegend angemessen.

Den Grad der Verschmutzung – vom Ausmaß her nichts weniger als ein Ökozid – führte schon Ken Saro-Wiwa mit wenigen Zeilen eines Gedichts eindringlich vor Augen: »Wo man das Land verwüstet/ Und unsere reine Luft vergiftet/ Wo Flüsse in Schmutz ersticken/ Wäre Schweigen Verrat.«. Saro-Wiwa, bedeutender Bürgerrechtler, Schriftsteller und Filmemacher, führte die Bewegung für das Überleben des Volkes der Ogoni in einen heldenhaften Kampf, um der Vernichtung ihres Lebensraums Einhalt zu gebieten. Am 10. November 1995, nach einem fingierten Gerichtsprozess mit erdichteten Anklagen, wurden er und acht seiner Mitstreiter erhängt. Die Literatur dieser Region trieft vor Blut.

IV.

Die Routen, auf denen Erdöl transportiert wird, sind überall auf der Welt mit Blut getränkt. Der andauernde Konflikt in Nigeria ist nur eines, wenn auch ein zum Himmel schreiendes Beispiel. Ebenso ist der »Fall« Angola immer noch in frischer Erinnerung. Als 1999 die ersten Ölfässer aus dem Sudan verschifft wurden, eskalierte dort der Krieg zwischen Regierungskräften und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee. Im Mittleren Osten gibt es einen Dauerkonflikt um Ressourcenaneignung und Profit. Wenn dieses Szenario ungehindert weiterexpandiert, wird das, was wir heute erleben, eines Tages lediglich als kurzes Aufstöhnen erscheinen.

Als Wissenschaftler, Autor und politischer Analyst verortet G. G. Darah sein Schreiben im Kontext der Kämpfe im Nigerdelta wie folgt: »Ich habe mich leidenschaftlich mit der Situation auseinandergesetzt, in den Massenmedien, in öffentlichen Vorträgen, in Gesprächsrunden. Was mein Engagement all dieser Jahre wie ein roter Faden durchzieht, ist die Erkenntnis, dass sich im ölreichen, aber wirtschaftlich und politisch kolonisierten Nigerdelta ein revolutionärer Prozess anbahnt. Der Umsturz manifestiert sich in der politischen Arena und in den Bewegungen, die Veränderung und Selbstbestimmung fordern. Vision und Stoßrichtung zielen auf einen radikalen Wechsel von Nigerias politischer Verfassung, um die Volksgruppen und Nationen, die Opfer des lokalen Kolonialismus wurden, zu befreien. Die Menschen des Nigerdeltas sind entschlossen, an den Freiheiten und anderen Privilegien teilzuhaben, die aus dem Ertrag ihrer Ressourcen und der strategisch günstigen Position auf dem Weltmarkt resultieren. Meine Auffassung ist, dass die Inhalte und Ausdrucksformen dieses Befreiungsversuchs in der Kunst und Literatur der Region reflektiert werden.«

Abgesehen von Biafra, dem Schauplatz eines Bürgerkriegs (1967–1970), hat keine andere Region des Landes eine so lang andauernde und unmenschliche Aggression erleiden müssen wie das Nigerdelta. Tatsächlich kann die kommerzielle Erschließung des Erdöls als Angriff verstanden werden. Der Überfall hat die Gesellschaft mit einem dichten Netz von Konflikten überzogen. Was wir heute erleben, wurde vor 60 Jahren gesät und durch das Auslöschen unserer kollektiven Werte und ethischen Prinzipien weiter genährt.

Die größten Probleme im Nigerdelta, die meiste Gewalt haben nicht die Gewehre bereitet. Nicht das Niederbrennen des Dorfes Umuechem, auch nicht die Massaker in Odi oder Odioma; nicht die Verwüstung des Ogoni-Gebiets und die Ermordung seiner Verteidiger, deren Taten nicht vergebens gewesen sein dürfen. Auch wenn wir einer Meinung sind, dass all dieses historische Unrecht gesühnt werden muss, sind diese Vorfälle nicht die schrecklichsten Wunden, die dem Nigerdelta zugefügt wurden. Im schlimmsten war das Verhalten der Ölraffinerien-Betreiber – das Geschäft mit fossilen Rohstoffen allgemein. Zusätzlich genährt wird dieser Konflikt durch sozioökonomische, politische und ökologische Faktoren, die alle miteinander korrelieren. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass unser pervertiertes politisches System in einer militaristischen Mentalität wurzelt, die Dialog und Konsens nicht duldet, sondern nur der Macht der Gewehrläufe huldigt. Wie Ike Okonta anmerkt, sind Demokratie und Fortschritt in Gefahr, wenn es keine Einigkeit darüber gibt, wer wie zu welchem Zweck das Sagen hat. Wo die Regierung die Staatsgeschäfte nur als ein Mittel betrachtet, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist es unmöglich, Politik und Wirtschaft auseinanderzuhalten. Das Geschäft mit der Politik ist Ausgangspunkt von allen möglichen Konflikten in der Region gewesen.

V.

Mehr als alles andere sind es die Öllecks und die Abfackelung von austretenden Gasen, die Furchtbares anrichten. Ich sage das sehr bewusst, denn Öl und Gas setzen giftige Stoffe in den Lebensräumen unserer Gemeinden frei. Sie beeinträchtigen die Menschen, ihr Land, das Wasser, die Luft – die gesamte Umwelt. Ölbohrungen, wie die Ölförderung überhaupt, produzieren hochgiftige, teils radioaktive Abfälle. Einige ihrer schädlichen Wirkungen auf die Gesundheit treten zeitlich verzögert ein und können daher nicht eindeutig auf ihre Ursachen zurückgeführt werden. Dabei haben die Menschen, die von solch einer Gefährdung akut betroffen sind, kaum Zugang zu medizinischen Einrichtungen.

Es ist bekannt, dass die Abgasverbrennung zu der schon oben erwähnten niedrigen Lebenserwartung beiträgt, indem sie Krebs, Bluterkrankungen, Asthma, Bronchitis etc. auslöst. Zudem ist sie eine Ursache für sauren Regen und bedeutet somit auch schwerwiegende ökonomische Einbußen für ohnehin verarmte Landarbeiter.

Dass Abfackelungen weiterhin zugelassen sind, ist entweder einem mangelnden Verständnis für die negativen Folgen geschuldet – oder ganz einfach einer mangelnden Achtung gegenüber jenen Nigerianern, die in dieser Region zuhause sind. Das Oberlandesgericht Benin entschied am 14. November 2005, dass Abfackelungen nicht nur illegal sind, sondern auch die Menschenrechte der Bewohner von Iwerekhan verletzen, jenes Dorfes, das eine entsprechende Klage gegen Shell und andere Konzerne eingereicht hatte. Mit Ausnahme von Russland brennt Nigeria heute so viel Gas ab wie kein anderes Land der Welt. Berichten zufolge werden 70 Prozent der Produktion abgefackelt, was einem jährlichen Verlust von zwischen 2,5 und 17 Milliarden Dollar entspricht – oder der Verschwendung von 75 Prozent der Energie, die im subsaharischen Afrika verbraucht werden (Südafrika ausgenommen). Das ist auch deshalb ein Skandal, weil die Mehrheit der Nigerianer immer noch keinen Zugang zum Stromnetz hat, obwohl bereits Milliarden von Petrodollars zum Zweck der Energieerzeugung eingezogen wurden.

VI.

Es ist wenig überraschend, dass die kritische Lage, in der sich die Umwelt im Nigerdelta befindet, die Kunstschaffenden zu einer Vielzahl bemerkenswerter Werke inspiriert hat, aus denen viel Widerstands-Emphase spricht. Über die entsetzliche Ausbeutung können Menschen unmöglich schweigen – das bezeugt die ungeheure Menge an Gedichten, Erzählungen, Liedern, Filmen, Bildern und Skulpturen, sowohl von Künstlern, die eng mit Aktivistengruppen vernetzt sind, als auch aus dem institutionell-akademischen Milieu. Neben den historischen Wegbereitern haben Dichter wie Tanure Ojaide, Ogaga Ifowodo, Nduka Otiono, Ibiwari Ikiriko, Ebi Yeibo u.v.a. wichtige Beiträge geleistet.

In seinem Gedicht »The Deluge« (Die Sintflut) schreibt Ogaga Ifowodo über »Augenblicke, die man im Takt des Herzschlags des Deltas erlebt«, und bemüht das Bild vom »flüssigen Gold«, um den Zustand der Natur und den Verlust der Existenzgrundlagen zu verdeutlichen: »Flüsse teilen sich in Wasser und Öl/ Daraus strömt es, nährt keinen Fisch, ist nicht trinkbar.« Das Cover seines Gedichtbandes »The Oil Lamp« (Die Öllampe, 2005) zeigt ein vielsagendes Foto von Frauen, die Maniok in der Hitze einer tödlichen Gasflamme verarbeiten.

Ike Okonta, ein weiterer bedeutender Schriftsteller, hat zu dieser Sammlung Ifowodos Folgendes geschrieben: »›Öl ist mein Fluch, Öl ist mein Verderben. Wo sind meine Kinder? Wo ist mein Mann? Asche und Knochen, Asche und Knochen.‹ – Dies singt eine 90-jährige Witwe, deren Mann von einer Bohrinsel stürzte und ertrank. Das endlose Sterben im Nigerdelta, der Heimat des Dichters, steht im Hintergrund der Suche nach Sinn im offenkundig Sinnlosen. Diese Gedichte sind Fragmente direkt aus der ›Sintflut‹. Sie entstammen komplexen und sehr verschiedenen Ebenen, ihre Sprache ist universell und gleichzeitig in lokalen Strukturen verankert. Die öffentlich vernehmbaren Töne einer Udje-Darbietung vertragen sich mit einer privaten, gar intimen Art zu sprechen. Die daraus resultierende Spannung entlädt sich in einer kräftigen, kämpferischen Poesie, die durch lyrische Zartheit aufrüttelt.«

VII.

Unter den Erzählungen ragt Helon Habilas »Öl auf Wasser« (2010) heraus. Der Roman ist von einem permanenten Taumel zwischen Hoffnung und Verzweiflung geprägt. Habila beschreibt den unerbittlichen Naturkreislauf des Nigerdeltas und die langsam darin einsickernde Gewalt ökologischer Zerstörung. Dabei werden dem Leser aktuelle Ereignisse fast schon im Duktus journalistischer Berichterstattung nahegebracht. Es ist die Geschichte einer sinnlosen Geiselnahme. Sie schildert, wie der unschuldigen Bevölkerung die Sprache der Gewalt beigebracht wird, wie den Interessen der Konzerne Vorrang vor den Bedürfnissen der Menschen gegeben wird, aber sie handelt auch von der rebellischen, unverwüstlichen Natur des menschlichen Geistes.

Habila führt seine Leser an den Flussarmen des Deltas entlang wie auch durch die Gedankenwelt der dort aufeinandertreffenden Peiniger und Gepeinigten. Der Autor weiß verfallene Ölförderanlagen ebenso pittoresk zu beschreiben wie Boote, die zwischen Mangrovenhainen und Floating Villages über das Wasser gleiten. Wer diese Gegend noch aus der Zeit des militanten Aufruhrs kennt, wird den Roman für einen Tatsachenbericht halten.

Im Bereich der Sachbücher ragen die Gefängnisschriften von Ken Saro-Wiwa heraus – auch deshalb, weil er bis zu seinem gewaltsamen Tod den gesellschaftlichen Wiederaufbau und die politische Emanzipation der Ogoni anstrebte. Die Kraft der Kunst als Waffe für Wandel und Ausbildung eines radikalen Bewusstseins entfaltet sich besonders in seinen letzten Texten, »Schweigen wäre Verrat« (2013) wie auch in »Flammen der Hölle. Nigeria und Shell: Der schmutzige Krieg gegen die Ogoni« (1996). Erstere Veröffentlichung ist eine Sammlung von Briefen, die Saro-Wiwa zwischen 1993 und 1995 an die Missionsschwester Majella McCarron gerichtet hatte. Er wusste von der Macht des geschriebenen Wortes, wie der eindringliche Brief vom 1. Dezember 1993 belegt: »Hören Sie nicht auf, Ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Wer weiß, wie wir sie in Zukunft nutzen können! Die Geschichte der Ogoni muss erzählt werden.«

VIII.

Die Lyrik aus dem Nigerdelta beschwört unmittelbar die Wirkung des Liedes, das in der Region als Mittel kultureller Kommunikation von großer Bedeutung ist. Sie lädt Autor und Leser zu einer gemeinsamen Entdeckungsreise durch eine Landschaft ein, aus der sich Architekturen von Schmerz und Angst erheben. Für die meisten hier beheimateten Dichter ist die abscheuliche Ausbeutung der Naturressourcen das Leitmotiv ihrer Werke. Sie schreiben über Umweltverschmutzung und über die Qualen, den Tod und die Sorgen, unter denen die Bevölkerung leidet. In wenigen Worten zeichnen sie ein Bild von der Einverleibung des Staates durch die Unternehmen und der Herrschaft des Kapitals über das Leben.

Ein gutes Beispiel liefert Tony Afejuku: Mit seinem Gedicht »Ein zerbrechliches Boot« von 2014 evoziert er das durchdringende Gefühl der Leere in der geschundenen Natur, die Ahnung eines totalen Verlustes, die »Trostlosigkeit, erbarmungslose Trostlosigkeit/ Wo Fisch, Schildkröte und Uferschnecke/ Aus Mangel an Wasser verdursten«. Man beachte die doppelte Betonung der Trostlosigkeit.

Zweifellos ist künstlerischer Ausdruck immer das Ergebnis eines Austausches zwischen dem Akteur und seiner Umgebung. Der Literat Joe Ushie hat die Herausforderungen für einen Autor aus dem Nigerdelta wie folgt beschrieben: »Wenn er aufwacht, sieht er nur sie; wenn er aus dem Haus geht, sieht er nur sie; wenn er versunken umherblickt, sieht er nur sie. Und wenn er sich schließlich hinsetzt, um die Erlebnisse des Tages in einem Gedicht, einem Roman, einer Kurzgeschichte, einem Drama, einer Biografie, in Memoiren oder einem Brief zusammenzufassen, erinnert er nur sie.«

Nun, wo ich zum Ende meines Textes komme, ist mein Kopf voller Bilder platzender Pipelines, feuerspeiender Brennöfen, von Tränen und Blut und Klageliedern auf Trauerfeiern, mit denen jedes Wochenende der Preis dafür gezahlt wird, dass eine einst so schöne Landschaft so schwer misshandelt worden ist. Und das alles nur wegen des Petrodollars und Festhalten am Öl als vermeintlicher Grundlage unserer Zivilisation – eine längst gescheiterte Idee. Die Dichtung, die aus dieser Welt stammt, ist unweigerlich revolutionär: Sie stellt sich auf die Seite der Unterdrückten und eröffnet dem Leser die Perspektiven einer Zukunft, in der Gerechtigkeit und Fairness walten, außerhalb ständiger Lebensgefahr. Der bisherige Kampf war lang, brutal und blutig, und oft haben sich Erfolge als trügerisch erwiesen. Dennoch ist Hoffnung das Gerüst, an dem neue Kämpfe emporwachsen.

Das Plakat 2018

Plakat zur Rosa-Luxemburg-Konferenz 2018

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