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Das Leben in Havanna scheint in der letzten Oktoberwoche seinen gewohnten Gang zu gehen. Frühmorgens werden in rot-weiße Schuluniformen gekleidete Kinder zur Kita, Vor- oder Grundschule gebracht, an den Bushaltestellen bilden sich die Warteschlangen der Berufstätigen, private Taxifahrer kreisen in alten Ami-Schlitten auf der Suche nach zahlungskräftigen Passagieren umher, einige – meist jüngere – Leute starren gebannt auf ihre Smartphones, und die ersten Touristen schwärmen von ihren Hotels oder »Casas« aus, um Kuba noch einmal authentisch zu erleben, bevor das Land sich – wie manche glauben – verändert. Alles scheint wie immer.

Blockade verschärft

Doch der Eindruck täuscht. Seit einigen Wochen gibt es für die Bürger der Metropole nicht mehr den gewohnten Alltag. Über der Stadt liegt eine sonderbare Spannung. Seit die USA ihre Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade schrittweise weiter verschärfen, ist das Leben nochmals schwieriger geworden. Zahlreichen Kubanern, denen während der Obama-Administration ein Fünfjahresvisum ausgestellt worden war, hat Washington das noch nicht abgelaufene Visum ohne Begründung wieder entzogen. Neue Einreiseanträge dürfen nicht mehr in Havanna, sondern müssen in den US-Auslandsvertretungen in Mexiko oder Kolumbien gestellt werden und werden dort meist abgelehnt. Ein Besuch von Angehörigen in den USA ist damit nahezu unmöglich. Auch die Höchstgrenze für Geldüberweisungen aus den USA an Verwandte auf der Insel, die – wie viele Bürger in anderen lateinamerikanischen Ländern auch – von diesen »Remesas« lebten, wurde drastisch reduziert.

Zimmervermieter, Restaurantbesitzer, Taxichauffeure, Souvenirverkäufer und andere Selbständige, die, auf die vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama angekündigte »Normalisierung der Beziehungen« vertrauend, in das erhoffte Geschäft mit US-Touristen investiert hatten, fürchten jetzt, ihre Existenz zu verlieren. Washington hat US-Bürgern mittlerweile nahezu jede Art von Reisen nach Kuba verboten, die beliebten Kreuzfahrten untersagt und Lizenzen für Linienflüge zurückgezogen. »Wir suchen ständig nach neuen Möglichkeiten, die kubanische Wirtschaft zu erdrosseln«, begründete US-Präsident Donald Trumps »Sonderbeauftragter für Venezuela«, Elliott Abrams, das Ziel der aktuellen Sanktionen. Durch die ständig verschärfte Blockade würden Kuba »eine bedeutende Finanzierungsquelle und Deviseneinnahmen« entzogen, erklärte der US-Diplomat.

Doch die Contras in Miami und auf der Insel triumphierten zu früh. Havanna trotzt der Blockade. Viele Kubaner erinnern sich an einen der letzten Briefe des 2016 verstorbenen Revolutionsführers Fidel Castro, in dem der Comandante en Jefe seine Landsleute angesichts der mit Obamas angeblichem Kurswechsel verbundenen Hoffnungen davor gewarnt hatte, den USA zu vertrauen.

Mit dem Versuch Washingtons, die Treibstofflieferungen aus Venezuela komplett zu unterbinden, wurde das Land vor einem Monat tatsächlich in eine schwere Energie- und Versorgungskrise gestürzt. Seit Anfang Oktober liefern venezolanische Tanker zwar wieder ausreichende Mengen Erdöl nach Kuba und die langen Fahrzeugschlangen vor den Tankstellen sind fast verschwunden, doch die Nachwirkungen der Ölblockade sind noch überall zu spüren. Durch den vorübergehenden Treibstoffmangel war die Versorgungskette in vielen Bereichen unterbrochen worden. Die Situation entspannt sich zwar etwas, doch nur langsam. In Havannas Stadtteil Vedado ist selbst Mineralwasser gelegentlich eine Mangelware. Als am vergangenen Wochenende im Supermarkt Harry Broders in der Altstadt wieder Hähnchenfleisch, Speiseöl und Goudakäse zu haben waren, stürzten die Kunden sich begierig darauf. Einige Straßen weiter bildeten sich vor einem Geschäft an der Ecke Aguacate/Obrapia sofort Warteschlangen, als Toilettenpapier angeliefert wurde.

Um Spekulationen zu vermeiden, werden die Höchstabgabemengen pro Person begrenzt. Das kommt, wie auch die staatlichen Preiskontrollen, in der Bevölkerung gut an. Die in der durch das Verschwinden der sozialistischen Länder Osteuropas ausgelösten Sonderperiode der neunziger Jahre gestählten Kubaner rücken wieder einmal enger zusammen. Während jüngere Leute die Versorgungsengpässe gelegentlich noch als kleine Katastrophe empfinden, weisen die Älteren darauf hin, dass die heutige Situation nicht mit der Sonderperiode vergleichbar ist. Kubas Wirtschaft ist diversifiziert und nicht mehr von einzelnen Partnern abhängig. Die Einsparmaßnahmen der kubanischen Regierung und die eingeleitete Umstellung auf alternative Energieerzeugung zeigen Wirkung. Es konnte verhindert werden, dass in größerem Umfang der Strom abgeschaltet werden musste, der Transport zusammenbrach oder Hunger ausbrach. Stück für Stück normalisiert sich der Alltag in Havanna wieder.

Mit dem Linienbus kann man wieder regelmäßig und für 40 Centavos (1,4 Eurocent) quer durch die Stadt fahren. Die aus Russland gelieferten – hier Metro-Taxi genannten – Kleinbusse transportieren Passagiere pro Streckenabschnitt für fünf kubanische Peso (18 Eurocent). An vielen Straßen sind Polizisten positioniert, die Fahrzeuge staatlicher Einrichtungen anhalten und die Insassen dazu auffordern, Fahrgäste mitzunehmen. Staatschef Miguel Díaz-Canel brachte kürzlich die Sicherheitskräfte zum Schwitzen, als er die Präsidentenlimousine stoppen ließ, um wartende Bürger mitzunehmen. Die jüngsten Sanktionen Washingtons bezeichnete er als »Ausdruck von Ohnmacht, des Verlustes jeglicher Moral und imperialer Verachtung«. Das ständige Verschärfen der seit knapp 60 Jahren gegen sein Land verhängten Blockade sei ein »unmenschlicher, grausamer und mit einem Völkermord vergleichbarer Akt«, erklärte der Präsident.

Veränderung im Stadtbild

Eine kleine Veränderung, die erst bei genauerer Betrachtung des Stadtbilds auffällt, charakterisiert vielleicht am besten, wie die Stimmung sich gewandelt hat. Bis vor einigen Monaten hatten viele private Taxifahrer in ihren Autos und etliche Fahrradtaxis an ihren Rädern kleine US-Fahnen befestigt. Die sind mittlerweile komplett verschwunden. Statt Fähnchen mit Sternenbanner sind nun öfter solche mit den Symbolen des FC Barcelona zu sehen. Vor einigen internationalen Hotels wehen mittlerweile keine US-Fahnen mehr, und Menschen, die Kleidungsstücke mit den Symbolen der USA tragen, sind seltener als früher. Auch die von Washington finanzierten Systemgegner halten sich angesichts der Stimmung zurück und produzieren fast nur noch Texte für Contramedien in Miami und Madrid oder – wie die von der Deutschen Welle angeheuerte Bloggerin Yoani Sánchez – für den staatlichen Auslandssender der BRD. Trumps Politik hat das Ansehen der USA in der kubanischen Bevölkerung, die die Auswirkungen der Blockade jeden Tag schmerzlich zu spüren bekommt, offenbar stärker ramponiert, als manche antiimperialistische Demonstration auf der Uferpromenade Malecón es vermochte.

Erschienen am 30. Oktober 2019 in der Tageszeitung junge Welt

Termine


22 Nov 2019;
19:00 - 00:00 Uhr
Das Lied gegen den Faschismus
Haus der Kulturen Lateinamerikas, Am Sudhaus 2, 12053 Neukölln, Berlin


23 Nov 2019;
14:30 - 16:00 Uhr
Stoppt die US-Aggression
Goethe-Universität, Campus Westend, Grüneburgweg 1, Frankfurt am Main


23 Nov 2019;
19:00 - 21:30 Uhr
Kuba Informationsabend – Contra el Bloqueo!
Vielfalter KL e.V., Pirmasenser Str. 20 a, 67655 Kaiserslautern


03 Dez 2019;
20:00 - 22:00 Uhr
Die Kraft der Schwachen - Filmvorführung mit Diskussion
Gewerkschaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Straße 69-77, 60329 Frankfurt/ Main


11 Jan 2020;
10:00 - 20:00 Uhr
XXV. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz
Mercure Hotel MOA, Stephanstr. 41, 10559 Berlin

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