Konferenz 2016

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und Autorin für den Blog »Mosaik – Politik neu zusammensetzen« . Bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz wird sie am Sonnabend zum Thema »Soziale Frage, Friedensfrage und Demagogie: Gefahr rechter Hegemonie« sprechen.

Natascha Strobl. Foto: Laurin RosenbergNatascha Strobl. Foto: Laurin RosenbergDeutschlands bekannteste Feministin, Alice Schwarzer, gibt sich wissend über die Täter der Silvesternacht in Köln. Die Mehrheit seien »Flüchtlinge von gestern bzw. Migranten und ihre Söhne, (…) die Krieg spielen mitten in Europa (…) und das triste Produkt einer gescheiterten, ja nie auch nur wirklich angestrebten Integration« wären. Wie weit reichen Ihre Kenntnisse bisher?

Wir wissen das, was die Polizei uns sagt, und das ist nicht viel. Es ist aber interessant, dass so viele schon so genau wissen, wie die Täter sozialisiert wurden. Da geht es dann auch nicht mehr um das Thematisieren von sexueller Gewalt, sondern nur noch um Rassismus. Antirassismus und Feminismus werden gegeneinander ausgespielt. Das ist ziemlich absurd, denn die Rechten, die plötzlich Frauen schützen wollen, sind doch genau jene, die Vergewaltigungswitze lustig finden, gegen Frauenhäuser hetzen und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen in Frage stellen. Mit diesen Leuten kann es nie eine Zusammenarbeit geben, auch nicht punktuell.

Wie müsste in Ihren Augen die Linke auf die Ereignisse reagieren?

Eine linke Reaktion kann heißen: Wir dürfen weder schweigen, noch die rassistische Hetze der Rechten nachplappern. Sexuelle Gewalt mit Herkunft zu verknüpfen ist fatal, denn das verstellt den Blick auf die eigentliche Ursache: bestimmte, patriarchale Männlichkeitsvorstellungen, die es überall gibt. Diese müssen wir bekämpfen. Ich halte gar nichts davon, dass andererseits versucht wird, die Vorfälle zu banalisieren, zum Beispiel mit dem Verweis, dass es sich »nur« um organisiertes Verbrechen handelt oder es woanders viel schlimmer ist. Nein, das was hier stattgefunden hat, war ein Anschlag auf Frauen, und genau so muss das auch behandelt werden. Kompromissloser Feminismus, nicht die Verteidigung des Abendlandes, das muss unser Credo sein.

So ziemlich jeder gibt hierzulande seit Neujahr den Feministen. Wem nehmen Sie das nicht ab?

Allen, die sonst alles bekämpfen, was Opfern von sexueller Gewalt hilft; von Schutzräumen über Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen und guter medizinischer Versorgung bis zu Sensibilisierungskampagnen. Es gibt keine partielle Solidarität mit Betroffenen, das ist Heuchelei.

Haben Sie Hoffnung, dass nun die Diskussion in Ihrem Sinne vorangebracht wird?

Ich hoffe es. Denn wir müssen tatsächlich über ein frauenverachtendes Alltagsklima reden. Wenn es darüber eine ehrliche Debatte gibt, dann wäre das gut. Darum geht es aber Leuten nicht, die Frauen und ihre Körper nur als Synonyme für das zu verteidigende Abendland sehen und nicht als Menschen, die ein Recht auf ein angstfreies Leben haben.

Wie nehmen Sie in der Diskussion deutsche Politiker wahr?

Natürlich gibt es hier eine Bandbreite. Und natürlich versuchen sich viele, vor allem Männer, zu profilieren und verlorengegangene Wählerstimmen wiederzugewinnen. Dabei ist es ja egal, ob das Thema gerade Frauenrechte lautet oder es darum geht, welche Wurst im Supermarkt nebenan verkauft wird – das sind alles nur Vorwände für einen imaginierten Kulturkampf. Es ist aber schön zu sehen, dass nach einem anfänglichen Schockzustand, in dem nur Rechte – die ja ihre Reaktionen quasi immer griffbereit in der Schublade haben – zu Wort kamen, auch richtige Fragen gestellt wurden. Etwa nach der Reaktion der Polizei. Die hatte sich ja schon bei der Kölner Hooligans-gegen-Salafisten-Demo im Herbst 2014 nicht mit Ruhm bekleckert. Wichtig ist es aber vor allem, den Stimmen von Frauenschutzorganisationen Raum zu geben, denn diese beschäftigen sich nicht erst seit drei Stunden mit dem Thema.

Die Politik diskutiert derweil bereits die Möglichkeit von Zwangsausweisungen von Migranten …

Das sind diskursive Nebelgranaten. Da geht es um vieles, nur nicht um den Schutz von Frauen. Warum braucht es denn unterschiedliche Strafen für verschiedene Täter? Viel wichtiger wäre es, wenn sexuelle Gewalt vor Gericht nicht als Bagatelle behandelt wird und den Opfern von Polizei und Justiz geglaubt würde. Das würde alle Sexualstraftäter treffen und nicht nur eine Gruppe.

Erschienen am 8. Januar 2016 in der Tageszeitung junge Welt

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