Konferenz 2015

Comandante Marco León Calarcá, Sprecher der FARC-Delegation bei den Friedensverhandlungen zwischen der Guerilla und der kolumbianischen Regierung in Havanna, richtete per Video einen Gruß an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Wir dokumentieren nachstehend in deutscher Übersetzung den Wortlaut seiner Ansprache:

»Für eine Welt, in der wir
sozial gleich,
menschlich verschieden und
vollständig frei sein werden«
Rosa Luxemburg


Genossinnen und Genossen,

unsere Worte drücken die Dankbarkeit und Solidarität der FARC-EP aus. Dankbarkeit für die Möglichkeit, unsere Botschaft nicht nur an diejenigen zu richten, die hier teilnehmen, sondern auch an die, die sie über die verschiedenen Verbreitungswege der Konferenz hören und lesen werden, insbesondere die Leserinnen und Leser der Tageszeitung junge Welt. Und Solidarität, denn nie zuvor war die Aussage »Sozialismus oder Barbarei« von Rosa Luxemburg, deren Andenken wir heute ehren, so aktuell und berechtigt wie derzeit.

 

Die Realität belegt umfassend das Scheitern des Kapitalismus. Die Krise des Systems manifestiert sich in allen Aspekten des Lebens der Gesellschaft und der Individuen und bedroht durch die unersättliche Gefräßigkeit der transnationalen Konzerne ernsthaft die Existenz des Planeten selbst.

Hier und heute Realitäten sind die Spur des Elends, die die Welt umfasst, die Hungersnöte, die viele Regionen erfassen, der bereits Millionen Tote fordernde Mangel an Trinkwasser, das unheilvolle Phänomen, das wir als Klimawandel kennen, sowie die vollständige Verletzung jeder Art von Rechten der Männer und Frauen.

Wir, die Armen der Erde, leisten schöpferisch Widerstand. Der Aufbau der Zukunft hat bereits in der Vergangenheit begonnen. Keine Tinte in den Zeitungen, kein Ton auf den Rundfunkwellen, kein Bild im Fernsehen und kein Byte in den Computerwolken kann uns zum schweigen bringen, und noch weniger können sie die Gründe verschleiern, die uns bewegen. Nicht weit entfernt von diesen Versuchen, das Feuer der Empörung zu löschen, gibt es vielerorts die gewaltsame Repression, einschließlich Staatsstreichen, Folterungen jeder Art, Inhaftierungen, Vertreibungen, Massaker und selektive Morde.

Ja, der Kapitalismus bricht zusammen, die perverse Logik des Neoliberalismus erschöpft sich, und bislang hat die Rechte auf der Welt keinen gangbaren Vorschlag, das zu ändern.

Die Barbarei ist bis auf unerwartete und nicht zu tolerierende Ausmaße angewachsen. Deshalb wächst so sehr die Verpflichtung und Notwendigkeit, die sozialistische Alternative aufzubauen. Es ist dringend, die Bande der Einheit des antihegemonialen Widerstands zu knüpfen.

Die Erde gehört der Menschheit, und ihre Ressourcen müssen in nachhaltiger und vernünftiger Weise ausgebeutet dazu dienen, die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen – nicht dazu, die Kassen einer Handvoll Multimilliardäre und ihrer Diener auf allen Ebenen aufzublähen. Der Klassenkampf bleibt der Motor der Geschichte.

Kolumbien, unser Heimatland, dient in dieser Realität als ein Lieferant. Die uns aufgenötigte Wirtschaft ist eine Enklaven- und Extraktivismus-Ökonomie. Die herrschende Klasse charakterisiert sich durch die Gewalt, Seit ihren Ursprüngen greift sie zu Morden als politischem Werkzeug. Es ist ein vom Weißen Haus abhängiges Land, dem es gehorsam dient. Nach Lust und Laune es können die transnationalen Konzerne ausplündern, ausbeuten und ausrauben.

Diese negativen Charakteristika unterwerfen die Mehrheiten der Armut und dem Fehlen von Möglichkeiten für ein würdevolles Leben. Ihnen werden keinerlei Rechte garantiert, und der Staatsterrorismus erleichtert Raub und Ausplünderung, die mehr als sechs Millionen Vertriebene und Zehntausende bei Massakern Getötete gefordert haben. Diese Massaker werden den Paramilitärs zugeschrieben, die offizielles Instrument des Terrors sind. In einem reichen Land sterben mehr als 20.000 Kinder unter fünf Jahren wegen akuter Unterernährung. Zehn Millionen Hektar Land wurden den Opfern geraubt.

Nicht zu reden von der fehlenden Demokratie, davon, dass den Volksschichten politische Beteiligung unmöglich ist, von der den Staat zersetzenden Korruption und von der umfassenden Straflosigkeit.

Die in Havanna geführten Gesprächen haben zum Ziel, Auswege aus dieser schrecklichen Realität zu präsentieren. Verantwortlich für den Konflikt und alle seine Konsequenzen sind der Staat, seine verschiedenen auf die USA orientierten Regierungen, und die Beteiligung Israels und anderer europäischer Länder. Deshalb haben wir vielfach gesagt, dass es nicht darum geht, dass die Gewehre schweigen. Das Heilmittel ist der Beginn tiefgreifender Veränderungen, die mit der Zeit Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, eine nicht nur rhetorische Floskel bleibende Volksdemokratie und die Souveränität garantieren. Wir müssen den Weg zu einem verfassunggebenden Prozess beschreiten.

Wir sind vorangekommen. Wir haben Teilabkommen zu drei der sechs Punkte geschaffen, die im Allgemeinen Abkommen zur Beendigung des Konflikts und zum Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens festgelegt wurden. Es sind Teilabkommen, denn zu fundamentalen Themen steht die Einigung noch aus. Der Verhandlungstisch nährt sich aus den Vorschlägen des Volkes und seiner Organisationen, auch wenn wir immer für eine größere Beteiligung des Volkes an den Gesprächen kämpfen werden.

Der Frieden ist der Inbegriff des Rechts. Ohne ihn ist nichts anderes möglich. Deshalb müssen wir autonom, souverän politische Lösungen finden, um die Normen des Übergangs zur Normalisierung der Realität anzupassen.

Die Themen, die uns jetzt beschäftigen, sind schwierig und kompliziert. Die ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Gründe, die den Konflikt verursacht haben, haben sich mit der Verschleppung von Lösungen verschärft, die im Interesse der Mehrheiten hätten ergriffen werden müssen. Das Heimatland verlangt grundlegende Veränderungen, um so Versöhnung und Wiederaufbau zu erreichen.

Als Belege für unseren politischen Willen haben wie Gesten und Taten des Friedens vorgelegt. Die gegenwärtige, am 20. Dezember verkündete einseitige und unbefristete Waffenruhe kann und sollte uns zu einem bilateralen Waffenstillstand führen und so die für die Vereinbarung der ausstehenden Themen notwendige Umwelt schaffen. Aber die Waffenruhe wird von den Feinden des Friedens angegriffen, von jenen, die von der Konfrontation ökonomisch oder politisch profitieren.

Nur die ausdrückliche und entschlossene Manifestation der nationalen Mehrheiten, des Volkes und seiner Organisationen um den Verhandlungstisch herum können echte Fortschritte bei der Behandlung der Themen garantieren. Ein Beitrag von fundamentaler Bedeutung ist die Unterstützung der Völker der Welt.

Rechnet mit unserem Beitrag für den Erfolg der Veranstaltung, dessen wir uns sicher sind. Die Arme der Guerilleras und Guerilleros umarmen solidarisch die Kämpfe aller Völker und öffnen sich auch für die Solidarität, die diese erweisen.

Friedensdelegation der FARC-EP

Havanna, Kuba, 9. Januar 2015

Unterstützer der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015

Das Plakat 2015

Plakat der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015

Broschüre 2015

Broschüre zur XX. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz

Dokumentation sämtlicher Beiträge der XX. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz vom 10.Januar 2015
Beiträge u.a. von: Oskar Lafontaine, Radhika Desai, Alex Rosen, Sharon Dolev, Hans Modrow
70 Seiten; 3,60 Euro

Zu bestellen im jW-Shop

2015 zu Gast

Radhika Desai

Radhika Desai, Ökonomin, Universität Manitoba, Kanada (Foto: privat)

 

Otto Koehler

Otto Köhler, Publizist (Foto: christian-ditsch.de)

 

Hans Modrow

Hans Modrow, eheml. DDR-Ministerpräsident, Vorsitzender des Ältestenrates der Partei Die Linke (Foto: Hans Modrow)

 

Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaine, Politiker und Publizist (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

 

Peter  Mertens

Peter Mertens, Vorsitzender der Partei der Arbeit Belgiens (PVDA/PTB) (Foto: PTB)

 

willy wimmer

Willy Wimmer, Politiker, ehem. Vizepräsident der OSZE (Foto: CDU/CSU)

 

Sharon Dolev

Sharon Dolev, Gründerin und Direktorin der Regionalen Friedens- und Abrüstungsbewegung in Israel (Foto: privat)

 

Dota Kehr

Dota Kehr (Die Kleingeldprinzessin) mit Jan Rohrbach und Special Guests (Foto: Sophie Krische)

 

Banda Bassotti

Gian Paolo »Picchio« Picchiami, Sänger der italienischen Band Banda Bassotti (Foto: Banda Bassotti)

 

The Pokes

The Pokes, Berlins No. 1 Folkpunk-Band (Foto: The Pokes)

 

Iwan Rodionow

Iwan Rodionow, Chefredakteur von RT Deutsch, Russland (Foto: Screenshot Youtube)

 

Linn Washington

Linn Washington, Journalist, USA (Foto: privat)

 

Mumia Abu Jamal

Mumia Abu-Jamal, Journalist, politischer Gefangener (USA) (Foto: jW-Archiv)

 

Rolf Becker

Rolf Becker, Schauspieler (Foto: jW)

 

Volker Hermsdorf

Volker Hermsdorf, Journalist, jW-Autor (Foto: privat)

 

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