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RLK 2020 Figuren2

Das Motto ist etwas sperrig geraten in diesem Jahr. Es wurde lange diskutiert in der »Gruppe Tendenzen Berlin«. Am Ende ging es um den Hinweis – speziell an Umweltbewegte –, dass die Produktivkräfte eine Stufe der Entwicklung erreicht haben, auf der sie »unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten« (Marx, »Deutsche Ideologie). Aber mach daraus mal einen griffigen Slogan, zu dem Künstler ihre Arbeiten für die Ausstellung auf der 25. Rosa-Luxemburg-Konferenz (RLK) im Januar einreichen sollen! Geeinigt hat die Gruppe sich schließlich auf »Wenn Produktion in Destruktion umschlägt: Kapitalismus zerstören, nicht Mensch und Natur!« Was in der Sache ja von wünschenswerter Klarheit ist.

27 Künstler, von der Hobbymalerin bis zum professionellen Kunstschmied, haben Werke zu diesem Thema eingereicht. Die allermeisten werden auf der Konferenz zu sehen sein, die Organisatoren von der Gruppe Tendenzen machen keine »Qualitätskontrolle«. Was eingesendet wird und aussagekräftig ist, wird ausgestellt – es sei denn, das Thema wurde verfehlt oder das Werk ist rein platzmäßig nicht unterzubekommen. Tanzeinlagen oder Videos mussten in den vergangenen Jahren abgelehnt werden. Diesmal passen wohl nicht alle eingereichten Skulpturen in die Räumlichkeiten. Aber das war es dann auch mit den Ausschlusskriterien. Alles andere widerspräche dem Selbstverständnis der Gruppe. »Vom Anspruch her ist es das, was man in der DDR unter künstlerischem Volksschaffen verstand«, erklärt Gründungsmitglied Joachim Geserick (69). »Auf der einen Seite gibt es Künstler, die studiert haben und Qualität bringen können, nach Formkriterien, Farbe und so weiter. Und dann gibt es Menschen, die in dieser Gesellschaft eben ihre Arbeitskraft verkaufen und nicht die Möglichkeit haben, so was zu studieren, weil sie das Geld nicht haben. Aber sie gucken sich das an und versuchen sich zu beteiligen, und auch das muss drin sein bei einer Ausstellung, die von uns kommt, nicht vom Gegner.«

Geserick hat in seinem Berufsleben so einiges gemacht, war etwa Positivretuscheur, Eisenbahner und Bestatter. In der Ausstellung ist er mit zwei Gemälden vertreten, »Entwürdigung – San Ferdinando« (50 mal 70 cm, Abbildung) und »Protest – Kalabrien«. Geplant war noch ein drittes im Stil von Picassos »Guernica«. Das hat er wegen einer Sehnenscheidenentzündung in der rechten Hand nicht fertigbekommen. Ein Faible für Malerei hatte Geserick schon in der Schulzeit in Westberlin. In den 70ern gehörte er zur Gruppe »Malende Arbeiter« in der Künstlervereinigung »Rote Nelke – Westberlin«, mit denen er sich an der »Freien Berliner Kunstausstellung« beteiligte. Die Gründung der Gruppe Tendenzen geschah Ende 2012 auch im Rückgriff auf solche Traditionen. Es geht ihr um politisch engagierte Kunst. Und die soll unbedingt auch von Arbeitern gemacht werden. »Wir wollen zeigen: Kunst gehört zu unserer Kultur und zu unserem Widerstand«, sagt Geserick. »So hat sich das etabliert auf der RLK.«
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Zum siebten Mal in Folge organisiert die Gruppe die Ausstellung auf der Konferenz. Zu den Höhepunkten zählen diesmal Gemälde von Ula Richter (v. a. »Brennender Baum«) und Rudolf Sittner. Auf dem Bild »Kreuzfahrt« des Cottbuser Malers und Grafikers ist am unteren Rand eine tropische Landschaft mit Dorf zu sehen, in satten Farben, der Stil mutet kubistisch an. Bunte Dächer und Bananenstauden sind da auszumachen, vielleicht ein Tukan. Darüber erhebt sich der Bug eines riesigen Schiffes. Sein Ausschnitt füllt die Leinwand aus. Weiter oben muss das Oberdeck sein, man sieht nur noch drei blinde Bullaugen, unter denen die Pracht des Regenwalds seltsam geduckt wirkt. Beklemmender ist der semikoloniale Massentourismus kaum ins Bild zu setzen.

Wie die Skulpturen in den Konferenzräumen in Berlin-Moabit aufgestellt werden, steht noch nicht fest, aber allein sie werden den Besuch lohnen. Die Anlieferung der Exponate müssen alle Künstler selbst bewerkstelligen, und das für eine Ausstellung, die nur einen Tag dauert. Aber was heißt nur? An diesem 11. Januar werden Tausende an den Werken vorbeigehen. Vor jedem einzelnen werden viele hundert stehen bleiben, erschüttert, begeistert, nachdenklich. Erst der Betrachter vollende das Kunstwerk, heißt es. Bei der RLK ist das garantiert. Und zwar durch linksradikale Massen.

Erschienen am 30. November 2019 in der Tageszeitung junge Welt

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