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Neuer Anlauf, uns aufzurütteln: Hannes-Zerbe-Quartett auf der M&R-Künstler-Konferenz im Juni (links der Komponist). Foto: F. BoillotNeuer Anlauf, uns aufzurütteln: Hannes-Zerbe-Quartett auf der M&R-Künstler-Konferenz im Juni (links der Komponist). Foto: F. BoillotIn seinen letzten Lebensjahren konnte sich der 2012 verstorbene Hans Werner Henze vor Aufträgen kaum noch retten: Die antiken Stoffe seiner Opern schmeichelten dem Bildungsbürgertum. Dazu schrieb der italophile Komponist eine Musik, die zwar zeitgenössisch war, die Hörer aber vor keine allzu großen Herausforderungen stellte und selten verstörte. Schon der junge Henze hatte Erfolge an wichtigen Opernhäusern gefeiert. Dass er – anders als seine Generationsgenossen Boulez, Nono oder Stockhausen – ästhetisch nicht nach radikaler Erneuerung strebte und bereitwillig den bürgerlichen Institutionen zuarbeitete, wurde dem jungen Mann aus Gütersloh gedankt. Es gab freilich auch Zeiten, in denen das Verhältnis Henzes zum deutschen Kulturbetrieb alles andere als ungetrübt war: die Jahre nach 1968.

Denn Hans Werner Henze trat der italienischen KP bei, reiste nach Kuba und machte auch bei seinen Auftritten in Deutschland kein Hehl aus seiner politischen Überzeugung. 1968 geriet in Hamburg die verhinderte Uraufführung seines Oratoriums »Das Floß der Medusa« zum Skandal – nicht wegen Henzes Musik, sondern weil der dirigierende Komponist darauf bestand, mit roter Fahne und Che-Guevara-Porträt aufzutreten, worauf der aus der Frontstadt Westberlin angereiste RIAS-Kammerchor und Starsänger Dietrich Fischer-Dieskau ihre Mitwirkung verweigerten. Lautstarke Auseinandersetzungen und ein Polizeieinsatz folgten. Heinz-Klaus Metzger ätzte damals in der Weltwoche: »Die APO wird sinnvolle Verhältnisse erst gestiftet haben, wenn deutsche Musiker sich nicht mehr weigern, unter einer roten Fahne aufzutreten, sondern ein Werk Henzes aufzuführen. Und zwar aus musikalischen Gründen.«

Der Stoff des »Dokumentaroratoriums«, von Ernst Schnabel zu einem Libretto verarbeitet, war 1968 brisant und ist es heute erst recht: Die französische Regierungsfregatte »Medusa« erlitt 1816 vor der Küste Senegals Schiffbruch, worauf Offiziere, Beamte und Priester sich in Sicherheit bringen konnten und die übrigen Passagiere auf einem Floß ihrem Schicksal überließen. Den dramatischen Überlebenskampf hat Théodore Géricault auf einem berühmten Gemälde verarbeitet. Das Oratorium endet mit den Worten: »Die Überlebenden aber kehrten in die Welt zurück: belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen.« Inzwischen ist das Oratorium von Henze/Schnabel doch noch angekommen im Musikbetrieb; an einer Berliner Aufführung unter Simon Rattle mitzuwirken hinderte Fischer-Dieskau 2006 keine rote Fahne mehr, sondern lediglich sein Gesundheitszustand. Gibt es aber vielleicht doch noch eine Chance, etwas von der subversiven Kraft des Stoffes zu retten?

Der Pianist und Komponist Hannes Zerbe hat sich diese Frage gestellt und darauf eine konsequente Antwort gefunden: ohne Hans Werner Henze. Seiner Adaption des »Floßes« – geschaffen für die Melodie & Rhythmus-»Künstlerkonferenz« im Juni – liegen zwar Passagen des für Henze geschriebenen Schnabel-Librettos zugrunde, musikalisch aber geht Zerbe andere Wege. An die Stelle des großen oratorischen Apparates treten ein Instrumentalquartett und ein Sprecher. Zerbe hat neue Kompositionen geschaffen, und er improvisiert mit der Saxophonistin Silke Eberhard, dem Klarinettisten Jürgen Kupke und dem Schlagzeuger Christian Marien. Gesungen wird bei ihm nicht; Chöre, Sopran und Bariton fallen weg, einzig Charon – der mythische Fährmann über den Totenfluss, den Schnabel als Erzähler durch das Oratorium führen ließ – tritt auch in der neuen Version auf. Der Schauspieler Rolf Becker hat aus seinem Part ein Textkonzentrat hergestellt. Charons Bericht ist so lapidar wie bildmächtig. »Acht Nächte haben den Mond wachsen sehen und die Zahl der Schiffbrüchigen auf dem ›Floß der Medusa‹ schwinden.« Heißt es etwa zur »Feststellung der Lage« am Beginn des 2. Teils von Schnabels Libretto. »Vierzehn hat Schwäche getötet, neunzehn die Sonne, elf die See. Achtzehn sind im Handgemenge um einen Schluck Wasser umgekommen, neunundvierzig bei einer nächtlichen Meuterei um die Weinfässer, die am Morgen darauf eine Sturzsee zertrümmerte. Andere haben sich – die Gesichter verhüllt – ins Meer geworfen.« Bei Henze zitierten am Ende die Pauken den Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!-Rhythmus; Zerbe unternimmt nun einen neuen Anlauf, uns aufzurütteln. Bei der XXV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 11. Januar in Berlin kommt sein Werk erneut zur Aufführung.

Erschienen am 16. Dezember 2019 in der Tageszeitung junge Welt

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