RLK 2020 Figuren3

RLK 2020 Figuren2

»Not Irish, not traditional, just poking the fire« – Am Mikro: Ian Beer. Foto: Andreas Domma»Not Irish, not traditional, just poking the fire« – Am Mikro: Ian Beer. Foto: Andreas Domma»Einfach hier in ’ne Reihe, oder soll’n ma hier rumöken?« Regisseur: »Ihr könnt in der Reihe anfangen und dann rumöken.« »Wat jetzt?!« »Wir sollen in ’ner Reihe anfangen und dann rumöken.«

Gut, dass wir das geklärt haben. Noch besser, dass die sechs Vögel, – die in dem Video zu dem Stück »God Save the Pokes« (2015) irgendwo in der Pampa erst beinahe bis zum Hals im Wasser stehen, bevor sie dann wie besengt durch die Gegend hüpfen, derweil ein so temperamentvoller wie formschöner Folk-Punk-Song mit Gitarre, Banjo, Schlagzeug, Akkordeon dem Hörer in den müden Körper fährt und das unverschämte Gehirn »Tanzen, jetzt!« denken lässt –, dass also ausgerechnet diese Typen am 11. Januar 2020 um 10.20 Uhr die Rosa-Luxemburg-Konferenz eröffnen. Das ist doch mal eine Ansage. High-Speed-Folk direkt nach dem Frühstück. Danach bist du definitiv wach – und bereit für die diskurslastigeren Dinge des politischen Lebens, Vorträge, Podiumsdiskussionen etc.

Es ist natürlich ein bisschen gemein, dass der Google-Algorithmus direkt nach dem Youtube-Video der Pokes ausgerechnet den Ausschnitt – Maschinen kennen kein Erbarmen – eines so lahmarschigen wie uninspirierten Auftritts der irischen Pogues von 2012 ausspuckt. Ach, denkt man, während er »Dirty Old Town« vor sich hinknatscht, armer alter Shane McGowan – ihr hattet wirklich schon bessere Zeiten. Was nicht heißen soll, dass die Berliner Pokes (Bandclaim: »Not Irish, not traditional, just poking the fire«) um den charismatischen Kopf, Sänger, Texter und versierten Tourtagebuchschreiber Ian Beer ausgesprochen junge Hüpfer wären. Sind sie nicht, Ian etwa ist Jahrgang 1968, und war, bevor er 2005 die Pokes gründete, Sänger bei einer Oi- oder Streetpunkband mit dem klingenden Namen Trinkerkohorte, die, so Ian im Interview mit dem Ox-Fanzine 2012, »ein würdiges Ende durch die Leberzirrhose unseres Bassisten fand«.

Die Trinkerkohorte wurde von »ihren elektrischen Instrumenten befreit«, ein Banjo auf Ebay ersteigert, eine Akkordeonspielerin engagiert. In Ians Worten: »Punks und Skins rocken auf akustischen Instrumenten, ja, damit hatten wir unseren eigenständigen Pokes-Style.« Ob sie den jetzt wirklich hatten bzw. haben oder eher nicht, sollen ruhig weiterhin engagierte Fanzineschreiber entscheiden, in deren Rezensionen vergleichsweise Flogging Molly, Dropkick Murphys, Mr. Irish Bastard, Across the Border und viele andere umhersausen. Was indessen sämtliche der genannten Bands einschließlich der Pokes gemeinsam haben und das Genre Folk-Punk insgesamt auszeichnet, ist ein Faible für einfache, aber catchy Melodien. Man will ja schließlich mitsingen, na gut, mitgrölen können. Ians grobkörnige, ­vermutlich durch die regelmäßige Einnahme von genügend Alkohol vorteilhaft entschmeichelte Stimme ist seit nunmehr vier Alben so etwas wie die nachdrückliche Aufforderung, genau das zu tun. Etwas Textsicherheit schadet dabei bekanntlich nicht.

Apropos: Für Parolen hat Ian nichts übrig, politische Wahlsprüche erscheinen ihm wie zu »dünnes Eis«, man solle lieber denken und fühlen. Klingt so eiskalt hingeschrieben leider ein bisschen kitschig. Und der Humor, die Ironie, vor allem die unbestreitbare Rotzigkeit kommen live gesungen sowieso sehr viel überzeugender rüber. »Struggles, hazzles, troubles, I have locked them up / Arguments and rows, I couldn’t give a fuck / I’m primed for a dance, a good chat and a laugh / And this is what I’ll do, and I’ll do it by heart.« Politisch geht’s auch: »Ich werd’ verfolgt von einem kränkelnden System / Sein Konstrukt ist das Produkt und gleichzeitig System / Es sieht mich als willig, als unglücklichen Mann / Es hat mich eingelullt in kapitalistischem Bann.« Oder wie heißt es in einem ollen, aber immer noch aktuellen Spruch: Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

Broschüre 2020

broschuere cover

Zum Seitenanfang