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Schikanen kennen die Besucher der »Fusion«: Fahrzeugkontrolle nahe Lärz (27.6.2019). Foto: Christian Charisius/dpaSchikanen kennen die Besucher der »Fusion«: Fahrzeugkontrolle nahe Lärz (27.6.2019). Foto: Christian Charisius/dpa»Macht der Straße – Kampf um die Zukunft – Die Systemfrage beantworten«: Unter diesem Motto findet am 11. Januar 2020 die XXV. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin statt. Dort werden unter anderem Vertreter sechs unterschiedlicher Gruppen und Initiativen darüber berichten, mit welcher Perspektive sie auf den notwendigen Gesellschaftswandel blicken. An dieser Stelle skizzieren sie die Leitlinien ihrer Arbeit. Heute tut das Sven Lasko für den Verein »Kulturkosmos«.

Im Jahr 2019 stand das Projekt »Fusion Festival« wie noch nie in seiner Geschichte zuvor mit dem Rücken zur Wand. Alle Zeichen standen auf Sturm, und die Zukunft des größten Ferienlagers der Republik war in Gefahr. Die Forderung der Polizei, das Festival durch eine »anlasslose Bestreifung« und eine zentral auf dem Festivalgelände gelegene Polizeistation zu überwachen (jW berichtete), war für die Veranstalterinnen: »ein Frontalangriff auf die Philosophie der ›Fusion‹ und das, was uns hier vereint – nämlich die Freiheit, sein zu können, wie wir sein wollen: zwanglos und unkontrolliert.« Wir stellten uns die Frage: »Kann unter solchen Umständen überhaupt noch ein Festival organisiert werden?«

Klar war aber, dass weit mehr auf dem Spiel stand, als die Zukunft eines Kulturevents. Es ging um die politische Frage, ob es in dieser Gesellschaft weiterhin Freiräume geben kann, die nicht von der Polizei eingeschränkt und mit repressiven Maßnahmen begleitet werden. Es ging um die Selbstgestaltungsfreiheit kultureller und künstlerischer Orte. Aus dieser Perspektive betrachtet, betrifft das Thema auch viele andere Versammlungsräume im subkulturellen Kontext: Konzerte, Festivals, freie Bühnen sowie die gesamte Clubkultur. Im Kleinen wurde hier nicht weniger als das Ganze verhandelt: die Verteidigung tragender Elemente einer emanzipatorischen Gesellschaft.

Das Thema wurde in der Öffentlichkeit breit aufgegriffen. Die Petition des Kulturkosmos e. V. wurde binnen zehn Tagen von über 130.000 Menschen und vielen Organisationen unterzeichnet. Das war die Voraussetzung dafür, dass ausgerechnet ein Kulturfestival den Kampf gegen die Ausweitung von staatlicher Kontrolle und Überwachung – zumindest in diesem Bereich – gewinnen konnte.

Bis heute fragen wir uns, wie der Neubrandenburger Polizeipräsident auf diese Idee kommen konnte. Sollte das ein gezielter politische Angriff werden, um ein linkes Netzwerk zu zerstören? War es der polizeilichen Logik geschuldet, die sich eine temporäre Gesellschaft mit 80.000 Menschen, die in Eigenverantwortung für ihr Wohl und ihre Sicherheit sorgen und ohne polizeiliche Kontrolle feiern wollen, nicht vorstellen konnte, und damit die Geschichte der »Fusion« ignorierte?

In ihrem Resümee schreiben die Veranstalterinnen: »Aber wie sieht es in der ›außerfusionären‹ Gesellschaft aus, in die wir zwangsweise zurückkehren, wenn wir unsere hedonistische Feierblase verlassen? Richtig scheiße sieht es da aus, und die Aussichten werden zunehmend düsterer! Wir wollen jetzt nicht aufzählen, wo es überall brennt und wie beschissen es um diese Welt, unsere Gesellschaft, unsere Umwelt und unsere Zukunft steht. Aber wir wollen hier deutlich sagen, dass die politische Relevanz der ›Fusion‹ als Melting Pot linker Utopien sich nicht daran misst, wie wir für fünf Tage in einer Parallelgesellschaft an unseren Utopien basteln und gemeinsam abfeiern. Sondern daran, wie wir außerhalb der ›Fusion‹ unseren Arsch hochbekommen und uns gegen den zunehmenden Wahnsinn auflehnen, den Widerstand organisieren, um den drohenden Albtraum abzuwenden! Da liegen die entscheidenden Herausforderungen, denen sich jeder und jede einzelne von uns stellen muss!«

Erschienen am 17. Dezember 2019 in der Tageszeitung junge Welt

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