Sozialismus oder Barbarei

Am 8. November 1918 verließ Rosa Luxemburg das Gefängnis in Breslau. Niemand hinderte sie daran: Die Revolution hatte die schlesische Stadt erreicht. Am 10. November traf sie abends in Berlin ein. In dem Hotel in der Nähe des Anhalter Bahnhofs, wo sie die Nacht verbrachte, konstituierte sich am nächsten Tag der Spartakusbund; zwei Monate aufreibender politischer und journalistischer Arbeit für die deutsche Revolution folgten. Dann wurde Rosa Luxemburg ermordet.

In den letzten Wochen der Breslauer Haft hatte sie an einem Manuskript gearbeitet, das ihre Haltung zu einer anderen Revolution klären und darlegen sollte: der russischen. Anlass für diese Niederschrift war eine Auseinandersetzung mit dem engen Kreis ihrer politischen Freunde: Ernst Meyer, der nach der Verhaftung von Leo Jogiches im Frühjahr 1918 die Flugschriften der Spartakusgruppe betreute, hatte einen Artikel Rosa Luxemburgs über den Frieden von Brest-Litowsk mit einer distanzierenden redaktionellen Notiz versehen und kurz darauf die Veröffentlichung eines weiteren kritischen Kommentars zur Taktik der Bolschewiki abgelehnt. Meyer schrieb darüber im Januar 1922 in der Roten Fahne: »Ich hielt diesen Artikel ebenfalls für ungeeignet zur Veröffentlichung und bat Paul Levi, der sich in Berlin aufhielt, nach Breslau zur Genossin Luxemburg zu fahren und ihr mündlich auseinanderzusetzen, weshalb es unmöglich sei, diesen Artikel in der damaligen Situation abzudrucken. (…) Paul Levi kehrte von seiner Breslauer Reise mit der Mitteilung zurück, dass Genossin Luxemburg sich damit einverstanden erklärt habe, dass die Veröffentlichung nicht erfolge. Gleichzeitig erfuhr ich, dass Genossin Luxemburg sich zusammenhängend über die gesamte Taktik der Bolschewiki ausführlich äußern werde.«¹

Die im September, vielleicht auch erst im Oktober 1918 begonnene »zusammenhängende« Ausarbeitung blieb unvollendet. Das Originalmanuskript verschwand im Januar 1919 und wurde erst 1928 wieder aufgefunden. Zur Jahreswende 1921/22, ein paar Monate nach seinem Ausschluss aus der KPD, veröffentlichte Paul Levi, der über eine (nicht ganz fehlerfreie) Abschrift verfügte, diesen Text Rosa Luxemburgs unter dem Titel »Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung«. Seine politische Absicht verbarg Levi nicht: Luxemburg, schrieb er in der Einleitung, sei 1918 »zu Resultaten gekommen, die ihr Urteil auch über die jetzige Politik der Bolschewiki ahnen lassen«: In der Schrift zeige sich der »tiefe Gegensatz zwischen den Bolschewiki und Rosa Luxemburg«. Obwohl zwei enge Freunde Luxemburgs, Clara Zetkin und Adolf Warski, sofort publizistisch intervenierten², begann hier die Karriere einer Deutung dieses Textes, die die Mitbegründerin der KPD für ein insbesondere in Deutschland immer noch quicklebendiges Milieu »linker« Antikommunisten interessant und anschlussfähig gemacht hat – bis hin zur Vereinnahmung. Neuerdings hat man hier herausgefunden, warum die »Antibolschewistin« Luxemburg zusammen mit den »Lenin-Anhängern« die KPD gestiftet hat: Nämlich allein, um »eine durch Lenins Bolschewiki klandestin finanzierte Konkurrenz zum Spartakusbund zu verhindern«.³ Eine inhaltliche Nähe, soll das einmal mehr heißen, gab es nicht.

Wie passen solche Verrücktheiten zu Urteilen wie dem von Paul Frölich aus dem Jahr 1939? Der hatte im Pariser Exil – reichlich ein Jahrzehnt nach seinem Bruch mit der KPD – geschrieben: »Keinesfalls hatte Rosa Luxemburg die Absicht, einen Feldzug gegen die Bolschewiki zu eröffnen. Sie war immer karg in Lobsprüchen, und nie hat sie von Menschen und einer Partei mit so begeisterter Anerkennung gesprochen wie von den Bolschewiki in dieser Schrift. Es ist eine Legende, wenn von Reformisten behauptet wurde, Rosa Luxemburg habe die bolschewistische Gesamtpolitik, die Oktoberrevolution und den Gedanken der proletarischen Diktatur abgelehnt und damit die Politik der Menschewiki gerechtfertigt.«⁴ Also bleibt zu klären: Was steht eigentlich in »Zur russischen Revolution«?
Ehrenrettung des Sozialismus

Rosa Luxemburg beginnt ihren Text mit einer Kritik der Vorstellung, Russland sei für eine Revolution nicht »reif« gewesen bzw. erst und allein durch den Krieg revolutioniert worden. Der schiere Umfang, den die Revolution in Russland angenommen hat – sie wird von ihr schon im ersten Satz als »das gewaltigste Faktum des Weltkrieges« qualifiziert –, die »tiefgehende Wirkung, womit sie alle Klassenverhältnisse erschüttert, sämtliche sozialen und wirtschaftlichen Probleme aufgerollt« hat, beweise unmittelbar, dass sie »im eigenen Lande tiefe Wurzeln hatte und innerlich vollkommen reif war«. Der Krieg habe sie nicht nur nicht »herbeigeführt«, sondern ihr »die schwierigsten, abnormsten Bedingungen geschaffen«. Die »doktrinäre Theorie« der Menschewiki, der deutschen Zentristen und »Regierungssozialisten«, die in Russland »nur eine bürgerliche Revolution für angängig hält«, weist sie ausdrücklich zurück: Die laufe auf die »originelle ›marxistische‹ Entdeckung« hinaus, dass die »sozialistische Umwälzung eine nationale, sozusagen häusliche Angelegenheit jedes modernen Staates für sich sei«. Russlands Revolution jedoch sei eine »Frucht der internationalen Entwicklung und Agrarfrage« und »unmöglich in den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft« zu einem sozialistischen Ende zu führen.

Die russische Revolution hat also spezifische »nationale« Ursachen – die Boden- und Agrarverhältnisse –, wirft aber, indem sie in ihrem Verlauf die Grenzen der bürgerlichen Eigentumsordnung sprengt, »Probleme« auf, die nur international zu lösen sind. Sie ist »völlig« von den internationalen Ereignissen abhängig: »Dass die Bolschewiki ihre Revolution gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist geradezu das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik.« Es sei ihr »geschichtliches Verdienst«, von Anfang an »diejenige Taktik proklamiert und mit eiserner Konsequenz verfolgt zu haben, die allein die Demokratie retten und die Revolution vorwärtstreiben konnte«. Den »Oktoberaufstand« begrüßt Rosa Luxemburg uneingeschränkt als »Ehrenrettung des internationalen Sozialismus«. Die Bolschewiki hätten das »unsterbliche geschichtliche Verdienst«, bei der »praktischen Problemstellung zur Verwirklichung des Sozialismus vorangegangen« zu sein: »In Russland konnte das Problem nur gestellt werden. Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem ›Bolschewismus‹«.

Ihr grundsätzlicher Vorbehalt lautet: Auch »der riesenhafteste Idealismus und die sturmfesteste revolutionäre Energie« verbürgen nicht den Erfolg. Werden die im Fortgang der Revolution entstandenen Krisen und Probleme nicht international gelöst, dann findet die Revolution – jedenfalls als sozialistische – hier ihre »Schranke«; sie degeneriert zu einem »ohnmächtigen, verzerrten Anlauf« zu Demokratie und Sozialismus, einem »Wirrsal von Widersprüchen und Fehlgriffen«. Für Luxemburg ist das eine »bittere Erkenntnis« – für die sie aber eben gerade nicht Fehler oder Unzulänglichkeiten der Bolschewiki verantwortlich macht: »Alles, was in Russland vorgeht, ist begreiflich und eine unvermeidliche Kette von Ursachen und Wirkungen, deren Ausgangspunkte und Schlusssteine: das Versagen des deutschen Proletariats und die Okkupation Russlands durch den deutschen Imperialismus.« Die Behauptung einer grundsätzlichen russischen »Unreife« für den Sozialismus erfüllt Luxemburg zufolge in diesem Zusammenhang die praktische Funktion, die »Verantwortlichkeit des internationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Geschicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zusammenhänge dieser Revolution zu leugnen«. Auf die hinzuweisen, sei jedoch »die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der russischen Revolution«.

Die scharfe Kritik an der russischen Partei, die Rosa Luxemburg in ihrem Manuskript unbestreitbar formuliert hat, setzt unterhalb dieser strategischen Ebene – grundsätzliche, ja begeisterte Zustimmung zum Vorstoß der Bolschewiki, verbunden mit einem Plädoyer für die internationale Revolution – an. Sie hält eine Reihe von Maßnahmen und Verfahren der russischen Genossen für falsch; sie will nicht, dass diese Fehler »von der Internationale als erhabenes Muster der sozialistischen Politik hingenommen« werden; auch die »klugen Köpfe an der Spitze der russischen Revolution« hätten doch sicher, meint sie, kein Interesse an »kritikloser Bewunderung und eifriger Nachahmung«. Rosa Luxemburgs Kritik betrifft in der Hauptsache folgende Punkte: die Frage der Agrarreform, das »Selbstbestimmungsrecht der Nationen«, Demokratie und Terror.

Sozialisierung der Landwirtschaft

Wie bei allen revolutionären Sozialisten üblich, sah das Agrarprogramm der Bolschewiki bis 1917 die Nationalisierung des Großgrundbesitzes vor. Für die Aufteilung der großen Güter unter die Bauern waren sie nicht; das war das erklärte Ziel der kleinbürgerlichen Konkurrenz: der Partei der Sozialisten-Revolutionäre. Praktisch durchgeführt wurde nach der Oktoberevolution jedoch genau dieses Programm: Bauern und Landlose teilten den Großgrundbesitz unter sich auf; eine millionenstarke bäuerliche Eigentümerklasse entstand.

Rosa Luxemburg sah in der Aufteilung des Bodens durch die Bauern ein Hindernis für die zukünftige sozialistische Entwicklung und in der Hinnahme oder sogar Förderung dieser Entwicklung durch eine sozialistische Regierung einen schweren Fehler. Der Großgrundbesitz sei der gegebene Ausgangspunkt der sozialistischen Wirtschaftsweise auf dem Lande; die hier vorhandene Konzentration der Produktionsmittel biete den ersten Ansatzpunkt für die sozialistische Organisation der landwirtschaftlichen Produktion: »Nationalisierung des großen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirtschaft, das sind zwei grundlegende Gesichtspunkte jeder sozialistischen Wirtschaftsreform, ohne die es keinen Sozialismus gibt.«

Die Bodenaufteilung ändere nichts an der Eigentumsordnung; den größten Nutzen hätten sogar die reichen Bauern, deren Macht gewachsen sei: »Früher stand einer sozialistischen Reform auf dem Lande allenfalls der Widerstand einer kleinen Kaste adliger und kapitalistischer Großgrundbesitzer sowie eine kleine Minderheit der reichen Dorfbourgeoisie entgegen, deren Expropriation durch eine revolutionäre Volksmasse ein Kinderspiel ist. Jetzt, nach der ›Befreiung‹ steht als Feind jeder sozialistischen Vergesellschaftung der Landwirtschaft eine enorm angewachsene und starke Masse des besitzenden Bauerntums entgegen, das sein neuerworbenes Eigentum gegen alle sozialistischen Attentate mit Zähnen und mit Nägeln verteidigen wird. Jetzt ist die Frage der zukünftigen Sozialisierung der Landwirtschaft, also der Produktion überhaupt in Russland, zur Gegensatz- und Kampffrage zwischen dem städtischen Proletariat und der Bauernmasse geworden.«

Auf einer abstrakten analytischen und programmatischen Ebene ist an diesen Sätzen nichts falsch. Die Frage ist, ob sie der historischen Situation gerecht werden: In Russland fand 1917 nicht nur eine proletarische Revolution in den Städten, sondern auch eine – aus dem historischen Gedächtnis weitgehend verschwundene – Bauernrevolution auf dem Lande statt. Und deren Hauptforderung und -inhalt war die Aufteilung des Großgrundbesitzes. Luxemburg spricht an einer Stelle selbst von einer »spontanen Bewegung der Bauernschaft«, argumentiert aber doch so, als hätte es den Bolschewiki freigestanden, sich dieser Bewegung entgegenzustellen oder sie hinzunehmen. »Entgegenstellen« aber, daran gibt es keinen Zweifel, hätte 1917/18 bedeutet, einen Bürgerkrieg nicht nur gegen die Weißen, sondern auch noch gegen die Landbevölkerung zu führen: ein Rezept, das die russische Sowjetrepublik ganz schnell zu einer historischen Episode gemacht hätte. Tritt man jedoch einen Schritt zurück, dann erschließt sich an dieser Stelle die Bedeutung von Luxemburgs Hinweis auf die »internationale« Aufhebung der russischen Revolution: Eine rein »russische« Lösung des Agrarproblems musste entweder mit der sofortigen Niederlage der Revolution oder einem im Kern antisozialistischen Kompromiss enden.

Kleinbürgerliche Phraseologie

Die heftigste Polemik führte Luxemburg gegen die Losung vom »Selbstbestimmungsrecht der Nationen«. Das sei geradezu die »Achse ihrer (der Bolschewiki) inneren Politik seit dem Oktoberumschwung«. Sie beklagte die »Hartnäckigkeit und starre Konsequenz, mit der Lenin und Genossen an dieser Parole festhielten«, zumal sie »in krassem Widerspruch zu ihrem sonstigen ausgesprochenen Zentralismus der Politik wie auch zu der Haltung (steht), die sie den sonstigen demokratischen Grundsätzen gegenüber eingenommen haben«. Während zum Beispiel die mit »sehr kühler Geringschätzung« bedachte Presse- und Versammlungsfreiheit für die Volksmassen tatsächlich von Bedeutung sei, handele es sich beim »Selbstbestimmungsrecht der Nationen« um »nichts als hohle kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug«.

Wenn Politiker wie Lenin, die für jede Art utopistischer Phraseologie normalerweise nur ein »ironisches Achselzucken« übrig hätten, eine solche Linie verbindlich machten, dann sei die Erklärung einfach: »Opportunitätspolitik«. Eine schlechte zumal: Die Bolschewiki hätten offenbar erwartet, damit die »kleinen« Völker des einstigen Zarenreiches zu Freunden der Revolution zu machen. Das Gegenteil sei passiert: »Eine nach der anderen von diesen ›Nationen‹ benutzte die frisch geschenkte Freiheit dazu, sich als Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus zu verbünden und unter seinem Schutz die Fahne der Konterrevolution nach Russland selbst zu tragen.« Außerdem habe dieser Kurs die »größte Verwirrung in die Reihen des Sozialismus getragen und die Position des Sozialismus gerade in den Randländern erschüttert«. In Finnland habe das Proletariat vor der Trennung von Russland die Situation beherrscht; die Ukraine sei einmal, als das »Steckenpferd Lenins von einer ›selbständigen Ukraine‹ noch nicht erfunden« war, die Hochburg der russischen revolutionären Bewegung gewesen. So hätten die Bolschewiki ohne Not eine »Ideologie nicht nur für die Erdrosselung der russischen Revolution selbst«, sondern für die »geplante konterrevolutionäre Liquidierung des ganzen Weltkrieges« geliefert.

Luxemburgs Kritik lautet also zusammengefasst: Die »nationale Selbstbestimmung« ist eine für das sozialistische Ziel nicht nur bedeutungslose, sondern schädliche Konstruktion: »Phrasen haben in der Geschichte der Klassenkämpfe zuzeiten eine sehr reale Bedeutung«. Diese Passagen des Manuskripts werden selten zitiert; es ist indes nicht von der Hand zu weisen, dass sie für alle, die den Niedergang und den Zerfall der UdSSR verstehen möchten, von Interesse sind.

Unbeschränkte Demokratie

Dreh- und Angelpunkt der feindlichen Übernahme des Textes sind Luxemburgs Ausführungen zum Komplex Demokratie und Diktatur. Sie erklärt zunächst die im Januar 1918 erfolgte Auflösung der Konstituierenden Versammlung zu einer »verblüffenden Wendung«. Eine Wende, die sie den Bolschewiki ernsthaft vorhält: Das Argument, das Parlament habe nicht mehr der revolutionären Stimmung des Volkes entsprochen, kontert sie mit dem Hinweis: dann bitte Auflösung und Neuwahl. Dass Parlamente in Revolutionen eine Rolle spielen, versucht sie mit Verweisen auf die englischen bzw. französischen Revolutionsparlamente des 17. und 18. Jahrhunderts zu belegen. Das war natürlich keine Stellungnahme gegen die Räte; Luxemburg dachte zu diesem Zeitpunkt Räte und Parlament zusammen. Sie hat diese Auffassung in den Wochen vor ihrem Tod geändert und diese von der USPD vertretene Parole offen bekämpft.

Ein bisschen anders sieht es mit dem allgemeinen Demokratiebegriff aus. Rosa Luxemburg wendet sich ausdrücklich nicht gegen die Diktatur der Arbeiterklasse: »Es (das Proletariat) soll und muss sofort sozialistische Maßnahmen in energischster, unnachgiebigster, rücksichtslosester Weise in Angriff nehmen, also Diktatur ausüben, aber Diktatur der Klasse, nicht einer Partei oder einer Clique; Dikatur der Klasse, d. h. in breitester Öffentlichkeit, unter tätigster, ungehemmter Teilnahme der Volksmassen in unbeschränkter Demokratie.« Sie spricht von Demokratie, wenn eine tatsächliche »Herrschaft breiter Volksmassen« verwirklicht sei; die aber sei ohne »Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht« nicht möglich: »Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, an Stelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen.« Die »süße Schale der formalen Gleichheit« enthält einen »sozialen Kern« – das ist für sie die sozialistische Revolution. »Sozialistische Demokratie« ist das »aktive, ungehemmte, energische politische Leben der breitesten Volksmassen«. Der historische Sinn dahinter sei »eine ganze geistige Umwälzung in den durch Jahrhunderte der bürgerlichen Klassenherrschaft degradierten Massen«. Den Bolschewiki wirft sie vor, aus der revolutionären Not eine komplette »Diktaturtheorie« gemacht zu haben: Die sozialistische Revolution sei eine Sache, »für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, das dann nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche«. Der Sozialismus aber liege wirtschaftlich, sozial und rechtlich »völlig im Nebel der Zukunft«. Er ist ein »geschichtliches Produkt«: »Das Negative, den Abbau, kann man dekretieren, den Aufbau, das Positive, nicht. Neuland. Tausend Probleme. (...) Nur ungehemmtes, schäumendes Leben verfällt auf tausend neue Formen, Improvisationen, erhält schöpferische Kraft, korrigiert selbst alle Fehlgriffe. (...) Die ganze Volksmasse muss daran teilnehmen.« Die »Freiheit« der »anders Denkenden« ist demnach, bleibt man bei Luxemburg, die für den Sieg des Sozialismus erforderliche Freiheit der Entfaltung für die Massen – »die einzige heilende und reinigende Sonne«. Das war eine Kritik an der Praxis der Bolschewiki, ohne Zweifel – aber eine, die den Sozialismus siegen sehen möchte.

Anmerkungen

1 Ernst Meyer: »Rosa Luxemburgs Kritik der Bolschewiki«. In: Die Rote Fahne, 15. Januar 1922.

2 Clara Zetkin: Um Rosa Luxemburgs Stellung zur russischen Revolution. Hamburg 1922; Adolf Warski: Rosa Luxemburgs Stellung zu den taktischen Problemen der Revolution. Hamburg 1922

3 Jörn Schütrumpf: Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18. Berlin 2017, S. 441 f.

4 Paul Frölich: Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat. Berlin 1990, S. 306

 

Erschienen am 3. November 2018 in der Tageszeitung junge Welt

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