07.01.2009

Musik für die Details

Warum man Vicente Feliú und Jose Andres Ordas Aguilera auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz hören muß

Justo Cruz
Lennon
Das Denkmal John Lennon hat auch vor seiner Einweihung im Jahr 2000 in Kuba viel bewegt
Welche Musik hört eigentlich Fidel Castro? Darüber sind keine Informationen im Umlauf. Als der Maximo Lider 2000 das John-Lennon-Denkmal in Havanna einweihte, wurde er gefragt, ob er damals auch die Beatles gehört hätte. »Wo denken Sie hin? Wir hatten zuviel zu tun.« Im Kuba der Sechziger hörten andere die Beatles, die Kinks und auch Bob Dylan, Donovan oder Phil Ochs. Es waren Dichter, Künstler, Schriftsteller, die wie überall auch sonst in der Welt als Hippies rumliefen und dafür die entsprechenden Probleme mit der Polizei bekamen. Sie agierten als Straßenmusiker, waren laanghaarig und hingen lieber in Cafes ab, als auf dem Land zu arbeiten. Sie transformierten die avancierte Popmuik, die damals vielen stilistisch, lebensweltlich und rezeptionsästhetisch revolutionär vorkam, in einen Volksjazz für Anspruchsvolle, die Nueva Trova. Diese Bewegung der »neuen Lieder« hatte in den 50ern in Argentinien ihren Ausgangspunkt und breitete sich in ganz Lateinamerika aus. Anders als der anpsychedelisierte Tropicalismo oder der virtuos-reduktionistische Bossa Nova in Brasilien, wollte die Nueva Trova eine künstlerische Erweiterung des sozialistischen Alltags sein – mit Congas, Klavier und Gitarren –, in dem sie sich eben um die Details dieses Alltags kümmern. Liebes- und Kampflieder sollten andere singen. Musiker wie Pablo Milanes, Silvio Rodriguez oder Vicente Feliú entwickelten eine Art Bitterfelder Weg mit Groove – karibisch, cool und bewußtseinserweiternd, weil selbstbestimmt und experimentell und nicht von oben verordnet. Das ging Teilen der Kommunistischen Partei sehr auf die Nerven. Doch es wurde auch offiziell gefördert, das sind die berühmten unterschiedlichen Interessen im sozialistischen Staat. 1967 fand in Havanna das erste »Festival des Protestliedes« statt, und Anfang der 70er Jahre wurden die Musiker von der Jugendorganisation der KP auf Tourneen ins Ausland geschickt. Ähnlich wie in der »Singebewegung« der DDR mischte sich Partei- und Bohemekultur, denn für Kunst braucht man Gelder und Gelegenheiten. Als der Realsozialismus zusammenbrach und das durch jahrzehntelangen US-Boykott gebeutelte Kuba ökonomisch auf einmal ganz allein dastand, verließen manche das Land, weil sie von ihrer Musik nicht mehr leben konnten. Viele, wie Vicente Feliú und Jose Andres Ordas Aguilera blieben da, weil sie keine Zeit haben, sich um andere Dinge zu kümmern als um die Musik. Am Samstag spielen sie auf dem Konzert der Rosa-Luxemburg-Konferenz. Hier sind vier Argumente, warum man sich die beiden Altmeister anhören muß. Vorgetragen von Justo Cruz, dem Deutschland-Koordinator von Cuba Si in Berlin. (jW)

1.) Diese Musik ist sehr wichtig, weil sie zeigt, daß in Kuba die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht stillsteht. Die Künstler der Nueva Trova haben sich in ihren Liedern und Texten immer um die realen Probleme, die jeder hat, gekümmert. Zum Beispiel um die Probleme, die ich als ganz normaler junger Bürger habe, wenn ich die Musik hören will, die mir gefällt, egal, woher sie kommt. Und die Bücher lesen will, die mich interessieren, egal wer sie geschrieben hat. Sie sagen: Wenn du die Musik magst, dann sollst du sie auch hören! Die Künstler der Nueva Trova sind Botschafter des kubanischen Alltagslebens und des neuen Sozialismus, der sich jetzt in Kuba entwickelt. Armando Harst sagt: »Unser alter Sozialismus ist auf der Strecke geblieben, wir müssen ihn erneuern.« Das ist Ziel dieser Musik.

2.) Die Nueva Trova steht für die Emanzipation im Sozialismus. Als ich in den 70er Jahren jung war, wollte ich auch anders ein, als es die Gesellschaft und meine Eltern von mir erwartet haben. Ich mochte es nicht, daß man versuchte, mir Vorschriften zu machen – ich wollte verschiedene Dinge ausprobieren, um meine eigene Identität auszubilden. Wenn man damals nicht ordentlich rumgelaufen ist, konnte man Probleme bekommen. Da gab es pädagogische Vorhaltungen, Ansichten und Strafen, darüber kann man heute auf Kuba nur lachen. Der kubanische Kulturminister Abel Prieto hat lange Haare – und er ist über 50.

3.) Die Texte der Nueva Trova sind Poesie. Die sind lustig und traurig und vor allem sehr pointiert und intelligent. Die Musiker sind auch Dichter. Man kann sich hinsetzen und die Musik hören – und die Texte lesen und genießen. Das geht bei anderer kubanischer Musik nicht so gut. Da sind die Texte – wie auch sonst in der Popmusik – sehr vorhersehbar. Dazu kann man tanzen, aber die Texte sind egal. Die will man oft gar nicht wissen, weil sie es auch nicht wert sind. Das bekannteste Lied von Vicente Feliú heißt »Créeme«, auf Deutsch »Glaube an mich«. Den Text dazu kann auf Kuba jeder mitsingen: »Glaube an mich / weil ich so bin /und so werde ich niemandem gehören.«

4.) Es ist wichtig, daß man im Ausland von Kuba etwas anderes als immer dieselben Klischees mitbekommt: Zigarren, Rum, Salsa undsoweiter. Wenn die Künstler der Nueva Trova nach Deutschland kommen, zeigen sie, daß man über Kuba immer noch viel zu wenig weiß. Was diese Künstler bewegt, ist nicht die Ökonomie, sondern die Politik und die Kunst.

Samstag, 20 Uhr, Großer Saal der Urania, Rosa-Luxemburg-Konferenz, Berlin




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