06.01.2014

Wo ist Rosa?

Countdown zur Rosa-Luxemburg-Konferenz (7)

Dr. Seltsam
Dieses Jahr erscheint eine Menge Bücher, die den Beginn des Ersten Weltkrieges als zufällige dynastische Fehde, in der es den Herrschenden um Rache und Ehre ging, darzustellen versuchen. Lenin, Luxemburg und anderen europäischen Linken war aber klar, daß nun die imperialistische Weltaufteilung mit Gewalt erfolgt.

Schon vor Kriegsbeginn versucht der deutsche Militarismus, seine wichtigste intellektuelle Gegnerin mundtot zu machen. Bereits am 20. Februar 1914 gibt es den großen politischen Prozeß gegen Rosa vor dem Landgericht in Frankfurt am Main, bei dem sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wird, nur weil sie auf einer Kundgebung gesagt hatte, Deutsche und Franzosen würden niemals aufeinander schießen.

Etwas später, am 29. Juni, versucht die Heeresleitung im Kriminalgericht Moabit, Rosa wegen Beleidigung der Armee zu bestrafen, weil sie Mißhandlungen an Rekruten anprangerte. Nachdem über tausend Soldaten bereit sind, als Zeugen für Rosa aufzutreten, wird dieser Prozeß erst verschleppt und schließlich (ohne formal eingestellt worden zu sein) vergessen, weil die Generäle eine große Blamage fürchteten. Am Vortag war Erzherzog Franz Ferdiannd, der österreichische Thronfolger in Sarajevo, durch serbische Nationalisten erschossen worden.

Am 28. Juli stellt Österreich Serbien ein Ultimatum, am 29. Juli versichert Albert Südekum, Reichstagsabgeordneter der SPD, dem deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, im Namen von SPD und Gewerkschaft, daß die Arbeiter nichts gegen den Krieg unternehmen werden. Am 1. August erklärt Deutschland Rußland den Krieg, am 4. August stimmt die SPD im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite.

Es kommt zum verzweifelten Versuch, die II. Internationale zu retten: Am 29./30. Juli 1914 wendet sich ein Kongreß des Büros der Internationale pathetisch gegen Krieg. »Man wollte Rosa Luxemburg hören, weil man hoffte, diese merkwürdige Frau, die schon eine Tradition als Radikalistin hatte, könne einen Ausweg aus dem bevorstehenden Jammer zeigen. Rosa Luxemburg saß traurig gebrochen auf der Rednertribüne. Sie schaute sich mit einem wehmütigen Lächeln die bei ihr sitzenden Führer und auch Jaurès an und sagte nichts. Ich wußte, daß sie in Deutschland einen Prozeß wegen ihres Antimilitarismus hatte. Ich versuchte, in ihrem damals sehr traurigen Blick und wehmütigen Lächeln zu lesen und fand, daß sie damit der Masse eine stumme, grausame Rede hielt. ›Was wollt ihr? Wie kann ich, eine einzelne Frau, die in der Partei von jedem bekämpft wird, für euch etwas tun? Wenn eure größten und angesehensten Führer, ein Jaurès, auch nichts wollen, nur Reden halten. Eure Führer fürchten, ein Opfer zu bringen.‹ Heute weiß ich ganz genau, daß ich Rosa Luxemburgs nicht gehaltene Rede richtig hörte.« So beschreibt es Emil Sittya, ein polyglotter Zeitzeuge. Am 31. Juli 1914 wird Jean Jaurès in Paris auf offener Straße ermordet. Die ersten Schüsse des Krieges treffen den weltberühmten Pazifisten. Am Beginn eines jeden Krieges, von Gleiwitz bis 9/11, steht solch eine Provokation der Kriegstreiber.

1915 muß Rosa im Berliner Weibergefängnis in der Barnimstraße, im heutigen Friedrichshain, die Haft antreten. Das Gebäude steht nicht mehr. Hier verfaßt sie unter dem Pseudonym »Junius« ihre berühmte Streitschrift »Die Krise der Sozialdemokratie«. Fast muß man den Richtern dankbar sein, daß sie ihr die Gelegenheit zum Schreiben dieser mitreißenden Polemik gegeben haben. Schon drei Monate nach ihrer Entlassung 1916 wird sie wieder ins Gefängnis geworfen.

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