02.01.2014

Wo ist Rosa?

Countdown zur Rosa-Luxemburg-Konferenz (4)

Den Vorläufer der S-Bahn von Berlin nach Potsdam gab es schon 1900. Der Zug fuhr natürlich mit Dampf und wurde kongenial von Adolph von Menzel gemalt. Rosa stieg am Anhalter Bahnhof ein und am Bahnhof Friedenau wieder aus. Dort ist es heute noch fast so gemütlich wie zu Rosas Zeiten. Am Café im S-Bahnhof Friedenau beginnt immer unsere Rosalux-Stadtführung.

Sie wohnte ab dem 15.8.1899 in der Wilhelm-Hauff-Str. 4 in Friedenau zur Untermiete. Das Haus existiert nicht mehr. 1900 zieht sie um die Ecke, in die Wielandstr. 23, wieder zur Untermiete, aber im schönsten Zimmer des ganzen Hauses, 2. Etage für 80 Mark inkl. Frühstück, Plüschmöbeln und großem Schreibtisch. In der Nähe, in der Saarstraße 14, wohnt die Familie Kautsky, wo sie stets zum Essen eingeladen wird, was ihr aber gar nicht paßt.

Es ist eine gutbürgerliche Gegend mit eleganten Hausfassaden. Reichen ihre kargen Parteieinkünfte und Honorare, um hier zu wohnen? Sie erhält etwas Geld von ihrer Familie, Leo Jogiches gibt das meiste dazu und zieht bei ihr ein. Das geht aber nicht lange gut.

Rosa widmet sich verstärkt der deutschen Flottenpolitik und der Agitation in den deutsch besetzten polnischen Gebieten. Sie untersucht die aufstrebenden Finanztrusts der USA. Mit Jogiches organisiert sie die polnischen Sozialdemokraten. Rosa fährt als Delegierte zum Kongreß der II. Internationale in Paris, wo sie in das Büro der Internationale gewählt wird. Unterdessen stirbt ihr Vater. Diese Gegensätze ihres Lebens setzten sie so unter Spannung, daß sie öfter Migräne hat und dann nicht arbeiten kann; noch in ihrer Todesnacht wird sie unter Migräne leiden.

Von 1901 bis 1911 wohnt sie in der Cranachstr. 58. Unter der S-Bahn Friedenau hindurch, Dürerplatz, dann bis zum Eisladen. Hier findet sich eine große Gedenkstele aus Bronze auf dem Fußweg am Baumkranz, also wohl vom Hausbesitzer nicht gestattet. Ich kann mir vorstellen, daß Rosa hierhin umgezogen ist, weil sie die Abendsonne im Grünen sehen wollte. Außerdem hatte sie endlich eine eigene Wohnung, gemeinsam mit Jogiches gemietet. Es gibt ein schönes Foto mit Clara Zetkins Sohn Kostja auf dem Balkon in der zweiten Etage. »Der Lebenspuls wird stark, man fühlt, daß man lebt und nicht vegetiert, und ich hasse so das Vegetieren, daß ich mich dagegen und gegen Friedenau jeden Augenblick auflehne« (Brief an Kostja). Die Balkone gibt es heute nicht mehr.

Vom 24.8.–25.10.1904 sitzt sie im Amtsgerichtsgefängnis Zwickau wegen Majestätsbeleidigung. Insgesamt muß Rosa bis 1919 neunmal ins Gefängnis, im Krieg für Jahre, immer wegen politischer Aussagen. Als 1905 in Rußland Revolution ist, wird sie mit Jogiches in Warschau inhaftiert. Der SPD-Vorstand bezahlt 3000 Rubel Kaution. Rosa tobt, aber Bebel will sie nicht im russischen Knast verschimmeln lassen. Jogiches macht Rosa eifersüchtig, sie nimmt sich den jungen Kostja.

1906 erscheint ihre Broschüre »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«. Das führt in der SPD zu einer großen Auseinandersetzung. Politischer Generalstreik ja oder nein? Rosa empfiehlt aus den Erfahrungen der Russischen Revolution 1905 den Massenstreik. Die Gewerkschaftsbürokratie und die Parteirechten halten davon gar nichts. Bebel ersinnt einen lächerlichen Kompromiß: Kein Generalstreik darf in Deutschland stattfinden ohne Genehmigung der Gewerkschaftszentrale. 1907 schreibt Erich Mühsam sein Spottgedicht »Der Revoluzzer – gewidmet der deutschen Sozialdemokratie«.

***

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer,
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich sehr gefährlich vor.
Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus
zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte tut ihm nichts!
Wenn wir ihm das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!«
Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.
Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

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