13.01.2014

Ins freie Leben

Novalis, Turbogesang und Saaltanz gegen den Krieg: Das war das Konzert der Rosa-Luxemburg-Konferenz

Christof Meueler
Daß die Welt auf dem Kopf steht, wie Novalis sagte, ist ein Grundgefühl der Linken. Das meint keinen Yogakopfstand, sondern Wahn, Gewalt und Verblendung. Die »Lieder gegen den Krieg«, das Abendkonzert der Rosa-Luxemburg-Konferenz am Samstag in der Berliner Urania, begann Erich Schmeckenbecher mit einer Notiz aus dem Alltagshorror. Er verlas eine Zeitungsnotiz, nach der ein Heilbad in Bad Klosterlausnitz, das liegt zwischen Jena und Gera, pünktlich zum Jahrestag der Reichspogromnacht der Nazis, zur »langen romantischen Kristall Nacht« einlud, mit Kerzen und »heißen Aufgüssen«. Das mußte Schmeckenbecher nicht kommentieren und spielte einfach eins der jiddischen Lieder, für die sein altes Duo Zupfgeigenhansel Ende der 70er Jahre in allen Feuilletons gefeiert worden war.

Zupfgeigenhansel sangen damals vor einem noch sehr zahlreichen Folk- und Alternativpublikum ausgegrabene deutsche Volkslieder. Das hatte auch etwas Entrücktes, als spielten sie da in ihrem ganz eigenen Kostümfilm. Dagegen wirkt der heute 60jährige Schmeckenbecher sehr charmant diesseitig, einem nonchalanten und nonkonformistischen Bob-Dylantum verpflichtet. Einer, der keinen Mist macht, einfach, weil er darauf keine Lust hat. Und auch nicht auf diese komischen Mundharmonikakränze, die sich Singer/Songwriter gemeinhin zur Gitarre um den Hals schnallen. Schmeckenbecher hat sich statt dessen eine Apparatur ausgedacht, in der die Mundharmonika direkt neben das Mikrofon gehängt wird. Manchmal singt er auch durch die Mundharmonika, was dann fast wie Daft Punk klingt, nach einem unerwarteten Vocoder-Sound. Einmal trat Schmeckenbecher neben das Mikofon und sang weiter, damit das Publikum ganz still werden mußte, um ihn noch zu hören.

Auch das anchließende Duo Luis Galrito und António Hilário aus Portugal veränderte die konventionelle Form ihrer Lieder, in erster Linie Coverversionen des berühmten Zeca Afonso, in dem sie im Wortsinn mit ihren Stimmen spielten. Sie ließen sie gurren, raspeln, schnalzen und keuchen, was zu Gitarre und kleiner Trommel schöne rhythmische Effekte erzeugte. Die beiden Basis-Militanten, ein Gewerkschafter und ein Musiklehrer, waren bei ihrem ersten Auftritt außerhalb von Portugal am eindrucksvollsten, wenn sie sich in ihren rhythmischen Liedern verloren (wie das auch Tänzer tun) – auch wenn sie alles unter Kontrolle hatten. Damit das Publikum mitmachte (»Na-na-na-na«), reichte ein Kopfnicken von Galrito, dem Musiklehrer. Merke: »Wir sind alle gleich«, wie die Dolmetscherin die Aussage eines Liedes der beiden zusammenfaßte.

Die beste Geschichte zum antimilitaristischen Thema des Abends erzählte Heinz Ratz, der singende Bassist der Folkrockband Strom & Wasser. Sie handelte davon, wie er von seinem konservativen Vater zum 13. Geburtstag einen Modellbausatz des Nazischlachtschiffes »Bismarck« geschenkt bekam und er daran scheiterte, es zusammenzubauen – der Plastik-Klebe-Klumpen, den er anschließend seinem Vater zeigte, machte diesen schaudern. Interessant auch die Anekdote, wie Ratz bei einer Hotline der Bundeswehr anrief, um sich zu erkundigen, ob sie denn so matschig wäre wie ihre geistesabwesenden Soldaten, die ihm zum Wochenende immer in den Zügen begegneten? »Lieber Herr Ratz«, wurde ihm beschieden, »machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles noch wie früher.« Hallo Weltkrieg, danke schön. Zum Glück schießt der »Panzerfahrer Jupiter« im gleichnamigen Lied von Strom & Wasser auf sich selbst. Die Musik dazu wirkt wie die von einem zur vierköpfigen Band gewordenen Fußgängerzonen-Alleinunterhalter. Einer von denen, die die Trommel auf dem Rücken, die Gitarre am Bauch und die Mundharmonika und Pfeife in der von Schmeckenbercher verachteten Weise um den Hals geschnallt haben. Damit das nicht zu bumsfallera-originalistisch wirkt, schaltet Ratz zwischendurch den Turbo-Gesangs-Gang ein, was an Raggamuffin erinnert.

Für eine wesentlich strengere Form der Ausgelassenheit standen Grup Yorum als letzter Act des Abends. Uniformartig gewandet, alle trugen khakifarbene Westen zu dunklen Hemden und Jeans, so ähnlich wie in den achtziger Jahren die Industrialbands, kamen sie klatschend auf die Bühne und nahmen wie in einer Rockoper Position ein. Vorne Sängerin zwischen zwei Sängern, hinten der Schlagzeuger und an den Seiten Bassist und Saz-Spieler. Erst gab es vokalistische Dramatik mit hammerharten Texten, die in deutscher Übersetzung an die Wand projiziert wurden: »Werde groß mein Kind / dein Vater wird dir Leid und Armut kaufen / Arbeitslosigkeit und Hunger kaufen / Unterdrückung und Folter kaufen«, heißt es beispielsweise im Lied für Erdal Eren, der als 17jähriger nach dem Militärputsch 1980 hingerichtet wurde. Grup Yorum sind die bekannteste linke Band der Türkei und deshalb in Berlin unvollständig: Fünf Mitglieder haben Ausreiseverbot, ein Mitglied ist im Knast, eins hat Hausarrest. »Der Sozialismus führt über eine unabhängige Türkei« sagte einer der Sänger. »Wenn sich die Straßen füllen / komm aus der Stadt / komm aus dem Land / Komm aus dem Gefängnis / löse dich von den Fesseln und komm«, sangen Grup Yorum in ihrem ersten Lied. Und zum Schluß bildete der Saal einen großen Kreis und tanzte von außen um die Stuhlreihen.

Am Anfang des Abends hatte Erich Schmeckenbecher gegen die auf dem Kopf stehende Welt das Gedicht »Zahlen und Figuren« von Novalis gesungen: »Wenn die, so singen oder küssen, / mehr als die Tiefgelehrten wissen, / wenn sich die Welt ins freie Leben / und in die Welt wird zurückbegeben, (…) dann fliegt vor einem geheimen Wort / das ganze verkehrte Wesen fort.«

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