11.01.2014

Countdown zur Rosa-Luxemburg-Konferenz (12 und Ende )

Dr. Seltsam
Bei den Sozis ist Rosa Luxemburg nie Thema, bei den Kommunisten auch nicht immer – bei der jungen Welt aber seit 1996, als sie die erste Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin organisierte. Und bei Dr. Seltsam, der in Berlin Touren zu ihren Wirkungsorten macht (Anmeldung: 01577/3862029). (jW) Vor dem Mord rief Hauptmann Waldemar Pabst den SPD-»Bluthund« Gustav Noske an. »Tatort«-Regisseur und Geschichtsforscher Klaus Gietinger hat das Telefonat rekonstruiert. »Ich habe Luxemburg und Liebknecht. Geben Sie entsprechende Erschießungsbefehle?« Noske: »Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen (...). Rufen Sie doch Lüttwitz an, er soll den Befehl geben.« Pabst: »Einen solchen Befehl kriege ich von dem doch nie!« Noske: »Dann müssen Sie selber wissen, was zu tun ist.« Gietinger wurde für diese Rekonstruktion gerügt von »Heinrich August Winkler, einem Schlachtroß rechter SPD-Geschichtsschreibung«.

Rosa und Karl übernachteten am 14. Januar 1919 bei der Familie Marcussohn – er war USPD-Mitglied, sie Rosas Freundin – in der Mannheimer Straße 43. Das Haus in einem ruhigen Teil von Wilmersdorf hat heute die Nummer 27. Davor ist ein Gedenkstein in den Gehsteig eingelassen; untrügliches Zeichen dafür, daß der Hausbesitzer ihn nicht am Gebäude haben will. »Die Mannheimer Straße findet ihre konsequente historische Verlängerung in den Lagerstraßen von Dachau und Buchenwald«, schrieb Günter Kunert.

In dieser Straße also, die auf den Fehrbelliner Platz mit seinen Büroblocks im Nazistil für 15000 Beamte führt, besorgten »Sozialdemokratischer Helferdienst« und Bürgerwehr am 15. Januar die Festnahme. Gietinger: »Ein jeder der an der Aktion Beteiligten erhielt durch den Vorsitzenden des Wilmersdorfer Bürgerrats Fabian für den Fang die damals enorme Summe von 1700 Mark.«

Rosa, Karl und Wilhelm Pieck wurden im Hotel Eden bei Hauptmann Pabst abgeliefert, der in Absprache mit Noske den Mord befahl. Pieck konnte sich rausreden und später fliehen. Liebknecht wurde erschossen um 23.45 Uhr bei der Rettungsstelle am Zoo (neben dem heutigen Elefantentor) abgeliefert. Rosa wurde vom Jäger Otto Wilhelm Runge mit dem Gewehrkolben bewußtlos geschlagen, vom Leutnant Hermann Souchon erschossen und in den Landwehrkanal geworfen.

Heute gibt es im Tiergarten ein Doppeldenkmal, das 1987 in Lauchhammer/DDR gegossen wurde. Es kennzeichnet mit den bronzenen Namenszügen von Rosa und Karl die Mordstätten am Kanal und am Neuen See. An der offiziellen Grabstelle der beiden in Friedrichsfelde wurde Mies van der Rohes sechs Meter hohe Granitwand 1935 von den Nazis zerstört. Weder SED noch SPD ließen sie wieder aufbauen. Mittlerweile gibt es hier einen Gedenkstein, der an die Opfer Stalins erinnern soll, was völlig unpassend ist, weil hier nur Opfer der SPD und der Nazis liegen.

Rosas Leichnam wurde am 31. Mai 1919 an einer Schleuse im Tiergarten gefunden. Heute brummt hier die Gaststätte Schleusenkrug. Es gibt kein Denkmal, obwohl die DDR eins hätte errichten können. Mit den Wasserwegen waren die Schleusen bis 1990 unter DDR-Verwaltung. »So verlief an dieser Stelle die Grenze quasi horizontal. Im Untergeschoß sorgten die Genossen für reibungslosen Schiffsverkehr, darüber genossen die Westberliner Sonne, Bier und deftige Küche.« (Speisekarte Schleusenkrug)

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