11.01.2014

Mit Easyjet zu Rosa

Nach dem »Häuserkampf« zum Jahresauftakt auf der roten Insel Giudecca vor Venedig kommt der Italiener Piero Fortunato an diesem Wochenende nach Berlin

Guido Schirmeyer und Delfina Marcello
Auf der Insel La Giudecca, ein Steinwurf südlich vor Venedig, pfeift ein scharfer Wind. Das zwei Kilometer kleine Eiland ist ein härteres Pflaster als der geleckte, touristenverseuchte Markusplatz mit der Gucci-Fraktion. Dort ballt noch so manch ein Compagno die Faust zum Kampf, und zum »Buon Anno 2014« flattern Neujahrsgrüße vom Commandante persönlich in die Briefkästen der Insulaner: »Hasta la victoria siempre!«

Piero Fortunato, ein alter Kämpfer, verteilt eigenhändig seine Wurfsendungen. Von Haus zu Haus klingelt er an den Wohnungstüre und ruft seine Botschaften durch die Gegensprechanlagen: »Verfassungswidrig ist, was bei uns abläuft! Ein Verrat unserer Verfassung, die dem Geist der Partisanen entstammt« – Fortunatos Häuserkampf zum Jahresauftakt auf der roten Insel, der Isola rossa mit gut 6000 Bewohnern, hauptsächlich Arbeiter, Gondolieri, Taxifahrer.

Der 68jährige ist eine rote Socke alter Schule – Vollblutkommunist von Haus aus. Er war in den 1970er Jahren Personenschützer von Enrico Berlinguer, dem Generalsekretär der Partito Comunista Italiano, war im bewaffneten Kampf, als er unter anderem die Kurden unterstützte, und er bewahrt bis heute seine Waffe. »Mein Großvater Guglielm Fortunato war der erste Sekretär der kommunistischen Partei in Mailand. Mein Vater war Partisan und während des Krieges als Arbeiter im Artilleriedepot in Venedig stationiert. Mit der Hilfe eines österreichischen Wehrmachtssoldaten bekamen die Partisanen Gewehre. Ich trat mit 18 der Partei bei. 1973 wurde ich compagno benemerito – ausgesucht für gute Leistung. Ich sollte die Partei vor Extremisten der Rechten schützen. So beschützte ich Berlinguer, Natta, Nilde Iotti und Paietta vor Attentaten und betrieb zur selben Zeit eine Pizzeria.«

Seit Wochen leuchten Piero Fortunatos Augen, wenn er von seiner bevorstehenden Reise nach Berlin redet. Am Freitag endlich ist er mit ein paar Genossen aufgebrochen, per Easyjet zur Rosa-Luxemburg-Konferenz. In der Urania will er ein Bad in der Menge nehmen, Compagnos wiedertreffen, sich mit Genossen austauschen, fern sein vom katholischen Inselkoller, keine Kirchenglocken hören, keine Cattocomunisti (Katholenkommunisten) sehen, Berliner Luft schnuppern und Rosa Luxemburg ehren.

Dabei herrscht auch auf Piero Fortunatos Insel ein rauher Ton, rauher jedenfalls als unter den venezianischen Pastorentöchtern, den Klosterschülern, den Kunst-Biennale-Flaneuren und Adligen in Venedigs marmornen Palazzi. Denn trotz der drei Nobelherbergen und der paar Fremdkörper aus dem Jet-Set, die sich auf der pittoresken Insel eingekauft haben, ist die Giudecca noch immer linkes Hauptquartier, mit Piero Fortunato als einem ihrer Anführer.

Insel der Verbannten, Garteninsel der Aristokraten, Insel der Fischer, Arbeiter und Bauern, Industrieinsel – all das war die Giudecca. Arbeitersiedlungen dominieren heute noch, es sind die Suburbs von Venedig. Venezianer der anderen Stadtteile besuchen so gut wie nie die »Insel der Diebe«. Das Arbeitermilieu und die Mietshäuser auf der am östlichen Ende künstlich aufgeschütteten Laguneninsel Sacca Fisola erinnern an Bilder aus dem La-Strada-Film.

Mitunter stinkt der Rauch der Verbrennungsanlage für den städtischen Müll zum Himmel. Der Blick geht aufs qualmende Marghera, der Industrie auf dem Festland, die noch auf Hochtouren läuft, während in Giudeccas alte Industrieanlagen zunehmend Künstler und Architekten einziehen.

Aus der Industriebrache der einstigen Dependance der deutschen Junghans-Uhrenwerke haben Stararchitekten vor zehn Jahren eine moderne Wohnsiedlung gemacht. Das Dachgeschoß des ehemaligen Bunkers der Uhrenfabrik am Junghans-Platz – in der keine Uhren, sondern 60 Jahre lang Zeitzünder für Granaten produziert wurden – wohnt Venedigs Hafenpräsident Paolo Costa, mitverantwortlich für die berüchtigten Kreuzfahrtschiffe, die den Giudecca-Kanal passieren

Gramsci in XXL

Piero Fortunato betreibt am Campo Junghans in einem der alten Junghans-Häuser die Mensa »Food & Art« für die Studenten aus aller Welt, die in der benachbarten »Ex-Junghans-Residenza« untergebracht sind. Er ist ein aristokratischer Prolet, ein Macho mit großem Stolz – und großem Herz. Mittags sitzt er an der Kasse seines Kantinenbetriebs und winkt so manchen Genossen gratis durch. Freitags, wenn es Fisch gibt, kommen stets ein paar alte Compagnos wie der 93jährige ­Giuseppe, der 1943 auf dem Junghans-Gelände die Maschinengewehrsalve eines deutschen Soldaten überlebt hat und später 30 Jahre lang der Präsident der venezianischen Gondolieri wurde. Oder Sergio, der 40 Jahre Schufterei in Junghans’ Militärproduktion auf dem Buckel hat und der als wandelnde Parfümwolke den Kantinenduft von gegrillten Sardinen überdeckt.

Am Eingang von Piero Fortunatos Mensa hängt Antonio Gramsci im XXL-Format. Die Kommunisten haben zwischen Gemüse-, Fisch- und Lottoladen an Giudeccas Kaimauer ihr Quartier, dort sitzen die alten Roten hinter vergilbten Schaufenstergardinen beim Kartenspiel, rauchen, trinken Spritz, und zeigen draußen Flagge. Und wenn die Mönche des nahen Redentore-Klosters in ihren braunen Kutten mit Kapuzen und in Jesuslatschen auf dem Weg zur Vaporetto-Station vorbei laufen – dann denkt man an Don-Camillo-und-Peppone-Szenen …

Am Tag der Liberazione, dem Gedenktag der Befreiung Italiens von den Faschisten, dem 25. April, und auch am 1. Mai kann man die Kinder auf dem Schulhof am Campo Junghans »Bella Ciao« im Chor singen hören, über Megaphon schmettert der Lehrer den Text vor. Piero Fortunato hißt an solchen Tagen seine gesammelten DKP-Flaggen, und seine Gastro-Mannschaft trägt rote Halstücher zu Comandante-T-Shirts. Noch immer ist Ché Guevara in aller Munde, und die moldawische Kollegin des kolumbianischen Mensamitarbeiters Cesar summt am Kochtopf in der Großküche leise »Bella Ciao Ciao Ciao«. Gegenüber der Giudecca wohnt der Chilene Gaston Salvatore, Bonvivant der venezianischen Intelligenzia, einst Weggefährte Rudi Dutschkes, und beklagt die Stadtpolitik, derweil die amerikanische Starautorin Donna Leon sich im kommunistischen Ruderclub der Giudecca durch die Lagune kämpft – kurz: eine Stimmung wie in einem alten italienischen Film.

Als Piero Fortunato aus seinem Leben erzählt, schießen ihm die Tränen in die Augen, und befeuert von ein wenig Partisanenromantik und einem guten Schuß Pinot Grigio weint er hemmungslos. Vor allem aus Trauer über den gescheiterten politischen Kampf, über die Situation auf verlorenem Posten. Piero Fortunato hat viel durchgemacht, die Berlusconi-Zeit, ein Krebsleiden, das Alter nagt, Verbitterung prägt seinen Gesichtsausdruck. Doch bei Berlin und Rosa Luxemburg blitzt der alte Kampfgeist wieder auf: »Reich mir die Flosse, Genosse!«

Besuch im Terzo Mondo

Ein Bruder im Geiste dürfte für den Venezianer Berlins »Lindenstraßen«-Wirt Kostas Papanastasiou sein, der in seinem »Terzo Mondo« am Savignyplatz 2012 mit einem »Rachelina & die Maccheronies«-Konzert den Tag der »Liberazione« feierte. Papanastasiou selbst hat gerade in Neapel im neuen Film des Regisseurs Mario Martone mitgespielt. Nach der Rosa-Luxemburg-Konferenz will der Venezianer den griechischen Genossen auf mindestens einen Ouzo in dessen Taverna besuchen.

Zu Giudeccas berühmten Bewohnern – seit Casanova sich dort umtrieb – gehört der kommunistische Komponist Neuer Musik Luigi Nono, einst Freund Heiner Müllers. Giorgio Napolitano höchstselbst weihte 2007 als Staatspräsident Italiens das Luigi-Nono-Archiv ein. Und der »Circolo Arci Luigi Nono« ist ein Kulturverein der Partito Democratico mit Büro an der Fondamenta, der Hauptstraße. Direkt neben Giudeccas Luxushotel Cipriani, in dem während der Filmfestspiele auf dem Lido Stars wie Clooney wohnen, befindet sich die Villa Hériot mit der »Associazione culturale resistenze«, ein Archiv über die Frauen des Widerstands in der Region Veneto.

Auf Giudecca darf Piero Fortunato auch Ulrich Tukur zu seinen Gästen zählen. Der Hamburger Schauspieler pflegt seinen Husky auf den Campo Junghans Gassi zu führen. Und selbst ein internationaler Promi besitzt auf der Proletarierinsel nah am »Garten Eden« des verstorbenen Künstlers Friedensreich Hundertwasser ein Haus: Merkel-Unterstützer Sir Elton John läßt sich jedoch nur selten blicken.

© Tageszeitung junge Welt. Realisation: WARENFORM